Was für Steffi Graf ein Aufschlag in Wimbledon, für Markus Wasmeier die Kandahar-Abfahrt oder für Jürgen Klinsmann ein Elfmeter, das ist für die Cracks im logischen Denken eine Rechenaufgabe der internationalen Mathematik-Olympiade. "Zeige, daß der Bruch (21n + 4): (14n +3) für keine natürliche Zahl n zu kürzen ist."

Während die meisten Zeitgenossen auf dieses diophantische Problem wohl nur mit Stöhnen reagieren, springt der Denkapparat von mathematisch trainierten Sportlern bei solch einer Herausforderung erst richtig an. Dabei ist ihnen aber – anders als den schwitzenden Fußballern, den Tennisspielerinnen oder Ski-Assen – die ehrende Bewunderung ihrer Mitmenschen keineswegs sicher. Wenn sie Pech haben, gelten sie sogar als Streber – besonders in der Schule. Arthur Köpps, Mathematiklehrer am Karolinen-Gymnasium in Frankenthal in der Pfalz, hat die Erfahrung gemacht, daß "der Gruppendruck in einer Klasse so groß ist, daß sich die Schüler nicht trauen, ihr Interesse für Mathematik einzugestehen".

Nicht auszudenken, wieviel potentielle Mathematikgenies da möglicherweise im verborgenen kombinieren. Die Lehrer und Schüler des Karolinen-Gymnasiums und des Elisabeth-Langgässer-Gymnasiums im benachbarten Alzey haben deshalb quasi zur Selbsthilfe gegriffen. Seit nunmehr zwölf Jahren geben sie eine Zeitung heraus, die Mathematikaufgaben, logische Probleme und Zahlenspielereien enthält und die Schüler zur Mitarbeit anregen soll. Für die Einsendung gelöster Aufgaben werden Punkte verteilt, am Ende des Jahres winken Preise: Taschenrechner, Computerspiele, selbstgebastelte Urkunden und als Krönung eine Woche Aufenthalt im Deutschen Museum in München.

Das Mathematik-Blättchen mit dem Namen Monoid erscheint viermal im Jahr, hat inzwischen eine Auflage von 600 Exemplaren erreicht und wird auch an anderen Schulen im Bundesgebiet vertrieben. Pardon "Blättchen": Das schlichte Werk mit dem Pappeinband (30 Seiten, Preis 1,50 DM) wurde letztes Jahr sogar in das "World Compendium of Mathematics Competitions" aufgenommen, das an der australischen Universität Canberra herausgegeben wird. Und am kommenden Sonntag können die Monoid-Macher erstmals echtes Gold für einen jungen Denkspezialisten vergeben – Björn Buth aus der 10. Klasse in Osterode erhält ein 30 Gramm schweres Medaillon aus 18karätigem Gold, gestiftet von einer Pfälzer Sektfirma.

Da freut sich nicht nur Arthur Köpps als redaktioneller Mitarbeiter über die "unheimliche Resonanz", auch der geistige Vater der Begabtenzeitschritt, der Lehrer Martin Mettler, ist zufrieden. Der Rumäniendeutsche Mettler versucht mit dem Monoid, die Begabtenförderung fortzuführen, die er selbst in Rumänien kennengelernt hatte. Dort gibt es heute noch Spezialklassen mit neun Stunden Mathematikunterricht pro Woche. Kein Wunder, daß die ersten Plätze der Rechen-Olympiaden daher regelmäßig von Rumänen, Russen oder Junggenies aus der ehemaligen DDR belegt wurden. Doch den kommunistischen Drill will Mettler nicht wiederholen, zumal er und sein Kollege Köpps festgestellt haben, daß das sture Rechentraining des Ostblocks nur hilft, Aufgaben bekannten Typs schneller zu lösen. Wenn dagegen bei den Mathematikwettbewerben plötzlich unerwartete Probleme auftauchen, dann sieht Martin Mettler die weniger getrimmten westlichen Teilnehmer im Vorteil.

Daher setzt das Konzept des Monoid eher auf den Spaß an der Freud’ als auf hirnlose mathematische Planerfüllung – offenbar mit Erfolg. Denn immerhin sind schon einige Monoid-Leser in den Kreis der Spitzenrechner vorgestoßen, die auf den internationalen Mathematik-Olympiaden gegeneinander andenken. Bemerkenswert ist an dem Monoid aber auch die Kontinuität einer Zeitung, die zwölf Jahre lang ohne eine Anzeige oder einen bezahlten Mitarbeiter existieren konnte. Freilich, so ganz umsonst beteiligen sich die Schüler der beiden pfälzischen Gymnasien nun doch nicht an der Herstellung und am Vertrieb des Blattes: Sie bekommen für die abgeleistete Arbeitszeit zumindest einige Stunden schulfrei. Doch für die Zukunftspläne des Machers Mettler wird dies möglicherweise nicht ausreichen. So möchte er in Zukunft 1000 Exemplare machen, "um mit unserer Beliebtheit Schritt zu halten", und weitere wertvolle Preise verleihen. Doch da muß wohl erst noch ein privater Sponsor her. Nicht, daß die Schulbehörde kein Interesse hätte. Im Gegenteil, erzählt Martin Mettler: "Die Herrschaften im Kultusministerium sind immer sehr begeistert und loben uns" – doch das war’s dann auch. Sitzen etwa an den entscheidenden Stellen im Ministerium Mathematikmuffel? Für alle anderen sei noch gesagt: Der oben gefragte Beweis für n (internationale Mathematik-Olympiade 1959) findet sich natürlich in der jüngsten Ausgabe des Monoid. Ulrich Schnabel