Tänzer? Flieger. Vogelmensch. Panther mit Flügeln. Der da bis in die Mitte der Bühne sprang, kam nicht aus der Kulisse. Der flog auch nicht, wie jetzt zu lesen ist („Gott des Tanzes“ oder – wegen der Reinheit seiner Bewegung – „Luther des Balletts“), aus dem Himmel der Tanzkunst, sondern quälte sich aus dem Erdensumpf.

Das ist seine wahre Leistung. Die sollten wir nicht verkleinern jetzt, da wir seinem Zauber nie wieder erliegen können. „Kunst braucht Anstrengung“, hat der Tanz-Arbeiter gesagt, der fast täglich dreizehn Stunden lang im Probensaal seinen Körper in Form brachte und daneben nicht mehr brauchte als ein heißes Bad, eine Massage und ein paar Stunden Schlaf zwischen drei Uhr nachts und neun Uhr früh („Ferien mache ich nachts“). „I wish and I will“ war das Gesetz dieses gegen sich selber wütenden Künstlers, der die Tanz-Szene in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts verändert hat wie kein anderer.

Der Mann mit dem verführerisch exotischen Aussehen und dem trainierten Körper konnte als Berufsbezeichnung – und als Glaubensbekenntnis – sagen, was er 1972 zum Titel seines Filmes machte: „I am a Dancer“. Er hat auch gesagt und im Zeitalter von Aids risikoreich danach gelebt: „Ich liebe Männer und Frauen.“ Und so wird erst jetzt, da Rudolf Nurejew nicht mehr lebt, sein Wort endgültig wahr: „Nicht ich habe den Tanz gewählt, sondern der Tanz hat mich auserwählt.“

Der Tänzer mit dem größten Charisma in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ist am 7. Januar, mit 54 Jahren, im American Hospital in Paris gestorben, in der Klinik, in der 1985 Rock Hudson, der erste bekennende Aids-Tote, gestorben ist. Auch wenn man respektiert, daß Nurejew bis in die Todesstunde die Silbe Aids aus seinem Leben verdrängt hat, kann man die Augen nicht länger vor der erschreckend wachsenden Liste der Tänzer und Choreographen verschließen, die in den letzten Jahren – inzwischen auch in Europa – an den Folgen der Immunschwäche gestorben sind: Nurejews Freund, der dänische Tänzer Erik Bruhn, Gerhard Bohner, Jorge Donn, Lubomir Kafka, die Hamburger Solisten Jeffrey Kirk und Roy Wierzbicki, die französischen Tänzer Dominique Bagouet, Jacques Garnier, Philippe Trassera.

Bei keinem konnte man – atemlos – so genau verfolgen, wie die nicht nur hohen, sondern imponierend raumgreifenden Sprünge, für die Nurejew meistens schon Auftritts-Applaus bekam, gelingen: Rudolf Nurejew „stand“ nicht nur in der Luft, sondern er schien, allen Gesetzen der Physik entgegen, die Richtung seines Sprungs – vorwärts – im Scheitelpunkt umzukehren und – gleichsam sinnlos – einen Lidschlag, einen Herzschlag lang die ganze Kraft in eine Rückwärtsbewegung zu verkehren, die seinen Auftritten die unvergleichliche Leichtigkeit, Eleganz und Grazie gaben. Der stürzte nicht, sondern glitt, trotz aller machtvollen Energie, in die Szene.

„Gott des Lichts“ hat Martha Graham den verehrten Tänzer auch wegen dieser hart erarbeiteten, athletischen Kunst genannt. Er war ein Gott der Luft, der Flugkünste, ein Bruder des Luftgeistes Ariel. Und doch unterschlägt man Nurejews Eigenart, wenn man ihn nur mit der Anmut der Luftkünste zusammenbringt. Um bei Shakespeares „Sturm“-Drama zu bleiben, durch das Ariel flügelt: Nurejew, der Sohn tatarischer Eltern, der als Siebenjähriger mit baschkirischen Volkstänzen seine ersten Triumphe bei den Jungen Pionieren gefeiert hat, war immer auch ein Bruder des Erdmenschen Caliban: Erst die animalische Virilität seines Tanzes, das ungezähmte Temperament gaben diesem Meister des Klassischen Tanzes die unverkennbare Kraft, fern aller Pose.

Ein Akt trotziger Rebellion steht am Beginn der Laufbahn dieses Tänzers. Der Vater, Politkommissar der Roten Armee, wollte seinen Jungen nicht in Ballett-Sälen aufwachsen sehen. So lief Rudolf von zu Hause fort, brachte sich durch mit kleinen Rollen bei der Oper in Ufa, mit Volkstanzvorführungen, als Tanzlehrer in Arbeiter- und Bauern-Kollektiven. Er war schon siebzehn, also „alt“ für einen angehenden Tänzer, als er endlich an einer richtigen Tanz-Schule ein Stipendium erhielt. Er stürzte sich in die Arbeit – und schaffte es in drei Jahren, ohne die Ochsentour als Gruppen-Tänzer, zum Solisten des Leningrader Kirow-Balletts.