Von Hans Otto Eglau

Bergungsexperten, Reinigungstrupps und Tierschützer werden die unwirtliche Felsküste der Shetlands längst wieder verlassen haben, wenn in Versicherungsbüros, Anwaltskanzleien und Gerichtssälen ein vermutlich jahrelanges Nachspiel der Braer-Havarie beginnt. Erst zwölf Jahre nachdem 1978 vor der bretonischen Küste der liberianische Supertanker Arnoco-Cadiz mit 233 000 Tonnen Öl auseinandergebrochen war, wurde der US-Multikonzern Conoco zur Zahlung von 200 Millionen Mark Entschädigung verurteilt, zu überweisen an die französischen Behörden für den Einsatz gegen die Ölpest, an Seebäder, Hoteliers und Austernfischer. Nach der Explosion des zypriotischen Ölfrachters Häven im April 1991 vor der Küste Genuas machten nicht weniger als 1300 italienische Antragsteller gerichtlich Ansprüche geltend. Gesamtforderungen: 717 Millionen englische Pfund, zum damaligen Kurs etwa 2 Milliarden Mark. Wieviel die Gerichte von dieser Summe tatsächlich anerkennen und wer die Rechnung letztlich begleichen muß, ist noch völlig offen.

Fest steht dagegen, daß die rapide wachsenden Risiken von Tankerkatastrophen kaum noch zu versichern sind. Bezeichnenderweise versuchte die Münchener Rück, die größte Rückversicherung der Welt, ihre Aktionäre mit dem Hinweis zu beruhigen, daß man sich bei der Abdeckung solcher Risiken seit einigen Jahren zurückhalte. Dabei haftet der versicherte Schiffseigentümer ohnehin nur für Vermögenseinbußen, nicht jedoch für die von einer Ölpest ausgehenden Schäden an der Natur. Vögel und Fische gehören eben niemandem, für ihren Tod wird also auch niemand zur Kasse gebeten.

Haftpflichtversichert sind die Tankerreeder in den sogenannten P + I-Clubs (Protection and Indemnity, zu deutsch: Schutz und Freistellung), in denen sie sich nach Art deutscher Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit zusammengeschlossen haben. In diesen weltweit über 20 Clubs (die meisten sind in England und Skandinavien registriert) sind rund 95 Prozent der internationalen Tankertonnage versichert. Größter im Bunde ist der Londoner United Kingdom Club mit einer Gesamttonnage von über hundert Millionen Tonnen. Seine Risiken hat jeder Club bei den übrigen Clubs, zum weitaus größten Teil jedoch in der privaten Assekuranz rückversichert.

Immerhin versichert jeder P + I-Club Schäden in einer Höhe von maximal 500 Millionen Dollar. Zusätzlich geben die meisten Reeder Risiken von 200 Millionen Mark auf dem Londoner Versicherungsmarkt in Deckung. Allerdings haften Schiffseigner nur dann unbeschränkt, wenn ihnen persönliches Verschulden wie beispielsweise mangelhafte Maschinenwartung oder eine unzulängliche Besatzung nachgewiesen werden kann, was äußerst schwierig ist. Selbst langjährige Kenner der Szene können sich an keinen solchen Fall erinnern. So gilt in aller Regel für Tankerreeder nach dem internationalen Übereinkommen über die zivilrechtliche Haftung für Ölverschmutzungsschäden von 1969 ein relativ niedriges Höchstlimit, bis zu dem er einstehen und sein P + I-Club zahlen muß – für den Braer-Eigentümer der Osloer P +1-Club Skuld mit rund acht Millionen Dollar. Dies wird kaum ausreichen, um die Ansprüche der Geschädigten zu befriedigen.

Zur Abdeckung der über die Club-Deckung hinausgehenden Schäden steht seit Anfang der siebziger Jahre ein auf Betreiben der Uno-Unterorganisation IMO (International Maritime Organization) gebildeter Fonds bereit. Er speist sich aus Abgaben, die vom Importeur pro Tonne eingeführten Öls entrichtet werden müssen. Im Falle der Braer müßte dieser in London ansässige Fonds für Schäden von maximal 74 Millionen Dollar aufkommen. Auch wenn die Doppeldeckung aus P + I-Club und Fonds von 82 Millionen Dollar im Fall der Braer reichen sollte, drohen zunehmende Häufigkeit und Volumen der Schäden das bisherige System über kurz oder lang zu sprengen.

Das bekamen bereits im vorigen Jahr die fünfzehn in der London Group zusammengeschlossenen P + I-Clubs zu spüren, als sie den jeweils für 12 Monate geltenden Rückversicherungsvertrag über 500 Millionen Dollar aushandelten. Die Zurückhaltung der englischen Assekuranz, die an diesem größten Rückversicherungskontrakt der Welt zu 95 Prozent beteiligt ist (Prämie: 280 Millionen Dollar), führte dazu, daß die Clubs 7,5 Prozent der Deckungssumme nicht placieren konnten. Nach den beiden kurz aufeinanderfolgenden Tankerunglücken der Aegean Sea Anfang Dezember bei La Coruña und der Braer dürften es die Erstversicherer demnächst noch schwerer haben, ihre steigenden Risiken abzudecken. Bereits vor drei Jahren stieg die Münchener Rück aus diesem Geschäft aus.