Von Wilfried Geipert

Meine resolute Sitznachbarin auf dem Heimflug trug ein weites buntes Hawaii-Hemd und klappernde Holzketten. Vor allem aber trug sie zwei Bongotrommeln unter den Armen. Das feine Kompliment zu diesem schönen Souvenir überhörte sie nicht. Sie brauche die Drums beruflich, fauchte sie. Sie sei die einzige deutsche Hochschullehrerin für afrikanische Musik. Sie komme vom Workshop.

Passionierte Sucher des authentischen Afrika saßen noch mehr im Flieger. Ein paar Geschäftsleute zudem, eine Gruppe von Studenten, die von einem Austausch-Projekt kam. Zum profanen Touristentum bekannte sich niemand.

Das einzige deutsche Touri-Fläggchen sahen wir vor dem Stadion von Kumasi für eine Studienreisegruppe flattern: nach der Abschlußfeier des großen Nafac-Festivals, ein einwöchiges Treffen der zahlreichen ghanaischen Ethnien. Der Vielvölkerstaat hat die Fläche der alten deutschen Bundesrepublik und fünfzehn Millionen Einwohner, die sich in mehr als fünfzig verschiedenen Sprachen und amtlich auf englisch verständigen. Die Diktatur von Chairman Jerry John Rawlings führte das Land seit 1989 durch tiefe, wirtschaftliche Krisen und – nach offiziellem Bekunden – halbwegs heraus. Im November haben wieder einmal freie Wahlen stattgefunden, die dritten seit der Unabhängigkeitserklärung von 1957. Ob sie der demokratischen Genese oder zusätzlichen Krediten der Weltbank geschuldet sind, wird sich weisen. Den einflußreichen Chiefs der Ga, der Ashanti, der Fante und der anderen Stämme wird jedenfalls entscheidende. Bedeutung in diesem Prozeß zugeschrieben. Staatsgründer Kwame Nkrumah hatte sie einst zum folkloristischen Relikt degradiert. Rawlings baut auf sie.

Vor Schülern im Stadionpark von Kumasi greift ein studentischer Betreuer tief in die Historie, um das große Stammestreffen zu erklären. Er erzählt von den glorreichen Kämpfen gegen die Kolonialmächte, in denen Ghana, damals die Goldküste, den Ruhm als „das Grab des weißen Mannes“ erwarb und von der matriarchalischen Herrschaftsfolge der chieftaincy. Er bespricht die Tradition der Volkstänze und rezitiert alte Lieder. Am Ende fragt er eine etwa Fünfzehnjährige, was sie denn gerne höre. „Lifestyle“, sagt eine schüchterne Stimme, die andern lachen. Als der Betreuer die Gruppe nach ihrem Stammeshäuptling befragt, lacht niemand mehr. Die ratlosen Gesichter kann man auch positiv interpretieren.

In wogenden Trauben von Fahnenschwingern, Wedlern, Tänzern und Trommlern zieht Stamm für Stamm in die Arena. In der Mitte des Trosses thront der Häuptling unter einem riesigen Schirm auf einer Sänfte, zu seinen Füßen springt eine Art Tanzboy. Der Chief trägt ein golddurchwirktes Käppi, goldene Ketten, Ringe und wippt im Takt mit einem Zepter. Jubel brandet bei jeder neuen Gruppe auf.

Es dauert Stunden, bis alle da sind, dann verstummt das rhythmische Hörspiel. Schwere Motorräder brausen über die Aschenbahn, es folgt die erste Limousine, dann eine zweite. Rawlings kommt! Die Tribüne bleibt ruhig, in die Stehränge kommt Bewegung. Hinter dem Staatschef versuchen Hunderte von Anhängern ins Stadion zu drängen. Am Tor setzt es Hiebe, Unruhe breitet sich aus. Rawlings klärt die Lage: „Let them in“, befiehlt er am Mikrophon. Die Fans stürmen ein und wissen dann nicht so recht weiter.