ZDF, 1.1. bis 6.1.: "Der große Bellheim"

In unserem Alter", sagt der Senior zu seinem guten Freund, der fürchtet, in ein Zimmer ohne Blick abgeschoben zu werden, "weiß man doch, wie’s draußen aussieht." Das ist es. Die Alten wissen Bescheid, und wenn es gelingt, einen von ihnen zu "motivieren", wie man in der Wirtschaft sagt, dann wiegt das menschliche Kapital, das er ins Geschäft steckt, drei junge Springer samt ihren besseren Nerven auf. Ein Kaufhausboß, ein Finanzierungsexperte, ein Personalchef – die ziehen sich zurück, weil sie genug gesehen haben; aber wenn die Chance lockt, der Welt noch mal zu zeigen, wo’s langgeht, dann stehen sie geschlossen auf der Matte, begierig, die Junioren abzukochen, daß es zischt.

Das Motiv ist uralt und unsterblich. Die Welt gehört der Jugend, aber die Alten wissen, wie sie funktioniert, und so gibt es zwischen den Generationen ein dramatisch ausbeutbares Remis. Dieter Wedel hat in "Der große Bellheim" diese Spannung nutzen wollen und einen aufwendigen Vierteiler um ein Gerontenquartett gedreht, das in der Sphäre von Handel, Banken und Versicherung nach dem Rechten sieht. Mario Adorf ist Kaufhauskönig Bellheim, der, in Bedrängnis geraten, drei elder businessmen vom Altenteil zurück in die Arena lotst, um mit ihnen ein Sanierungskonzept auszutüfteln. Sie stoßen auf eine Intrige: Börsenhai Rottmann (eindrucksvoll: Heinz Hoenig) streut die selffulfilling prophecy von Bellheims Ruin; die Kurse stürzen, Kredite werden gesperrt, Baugenehmigungen zurückgezogen, Rottmann wetzt die Krallen. Da stoppen ihn in letzter Minute die furchtlosen Vier: Seine Finanzierung ist unseriös, alles Bluff, Bellheim bleibt Bellheim.

Soweit der Plot, der schon da war. Big money ist, seit der Dow-Jones-Index täglich in den Nachrichten vorkommt, längst kein Sperrbezirk für Unterhaltung mehr; es ist ein Synonym für Macht und damit für Drama. Wie die Amerikaner mit "Working girl", "Wallstreet", "Das Geld anderer Leute" und "Fegefeuer der Eitelkeiten" vorgeführt haben, ist die Börse ein wahrer Whirlpool der Leidenschaft. Nur spricht man dort ein schräges Idiom und treibt Dinge, die der Laie selten kapiert. So hat die Wirtschaftskomödie ständig mit dem Problem zu kämpfen, die Schachzüge von Held und Gegenspieler für das Publikum quasi zu übersetzen und die Professionals bei der Arbeit so zu zeigen, daß alle folgen mögen. Beim Einbruch in eine Bank gelingt das spielend, bei der Gründung einer Bank (oder einer Kaufhausfiliale) ist der Zuschauer öfter mal ratlos.

An dieser Klippe scheiterte auch Wedels "Großer Bellheim". War in den ersten beiden Folgen die Rekrutierung der Rentner-Combo (Will Quadflieg, Heinz Schubert, Hans Korte) noch recht vergnüglich anzuschauen, so erwies sich in Teil drei und vier, daß die Retter in der Not außer Sangesfreude ("Capri-Fischer"), tausend Zipperlein und Sorgenfalten nichts zu bieten hatten. Kurz vor Schluß machten sie endlich einen Bruch, um das Belastungsmaterial gegen Rottmann zu beschaffen, aber da hatte man die Hoffnung schon aufgegeben, daß dieser Film sein Versprechen halten und seine Helden in überlegener Kompetenz erstrahlen lassen würde. Wo "Der große Bellheim" zur Kür der Profis hätte antreten müssen, verkroch er sich in die Pflicht von Privatkram und Nebenhandlung. Auf dem Parkett von Bank und Börse überzeugten nur die Schurken. Das ist wie im Leben, und es unterhält nicht genug. Barbara Sichtermann