Von Judith Reicherzer

Bescheidenheit war keine Zier, in den achtziger Jahren triumphierte die Verzierung. In New York, Paris und München trugen die Damen Schleifen, Herzen und Goldknöpfe auf knallbunten Kostümen – sie trugen Escada. Die wohl prächtigste deutsche Bekleidungsmarke verkörperte den Lebensstil dieses Jahrzehnts perfekt, das Unternehmen schaffte den Sprung an die Weltspitze. Weit vor Jil Sander und Hugo Boss avancierte es zum zweitgrößten europäischen Modehersteller. Nur Klaus Steilmann aus Wattenscheid schaffte noch mehr Umsatz.

In der vergangenen Woche bekam das glitzernde Escada-Image allerdings tiefe Kratzer ab: Die Börsenzeitung berichtet über einen drohenden Kapitalschnitt, schrieb gar von möglichem Konkurs. Prompt fielen die Stammaktien in zwei Tagen um 25 Prozent auf 108 Mark.

"Grob fahrlässig" habe man da ein Gerücht in die Welt gesetzt, ärgert sich der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Hans Woitschätzke. Die Verdächtigungen kämen einem "Rufmord" gleich, "der mit Geld nicht aufzuwiegen ist". Tatsächlich erholen sich die Aktienkurse seither nur langsam.

Das Konkursgerücht kam überraschend, doch daß es bei Escada kriselt, war da schon längst kein Geheimnis mehr. Vor drei Monaten war der ehemalige Puma-Sanierer Woitschätzke vom Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Ley in den bayerischen Modekonzern geholt worden – als Retter in der Not. Doch von neuen Konzepten war zunächst nichts zu hören. Drei Monate lang schwiegen die Escada-Chefs und beschworen damit die wildesten Spekulationen herauf. Erst unter dem Eindruck der Konkursgerüchte waren sie bereit, Aktionäre, Kunden und die mehr als 5600 Mitarbeiter über die Escada-Zukunft zu informieren.

Die Wahrheit ist schmerzlich. Man werde für 1992 über hundert Millionen Mark Verlust verkraften müssen, hieß es in Dornach bei München. Woitschätzke hatte den Vorstand überzeugt, reinen Tisch zu machen und die Bilanz "den Marktverhältnissen anzupassen". Wertberichtigungen und außerordentliche Aufwendungen trieben das Ergebnis in den Keller. Noch bleiben dem Unternehmen 200 Millionen Mark an Eigenkapital. "Von Konkurs kann da doch überhaupt keine Rede sein", betont der Sanierer. "Unsere wichtigsten Banken stehen zu Escada und haben uns gerade die Kredite bis Ende des Jahres verlängert."

Von einer Krise beim deutschen Modestar hatten die Aktionäre erstmals auf der Hauptversammlung im vergangenen Mai erfahren. Statt die üblichen Erfolge zu feiern, gestand Wolfgang Ley überraschend Managementprobleme ein. Zwar war der Umsatz 1991 noch um ein Drittel auf 1,4 Milliarden Mark gestiegen, der Jahresüberschuß aber fiel bereits um 23 Prozent auf 45 Millionen Mark. Ley, der mit seiner Frau Margaretha den Konzern gegründet hatte, mußte den verblüffte! Aktionären zudem einräumen, daß die Talfahrt noch nicht beendet sei.