Von Gabriele von Arnim

Wir sind mit Nesthäkchen aufgewachsen. Haben durch zehn Bände hindurch heiles Familienleben verschlungen. Dr. Brauns Jüngste, die blondgelockte Annemarie, war unsere Mädchen- und Backfischfreundin, wohlgelitten von unseren Müttern, die Nesthäkchen längst aus ihrer eigenen Kindheit kannten und dem süßen Geschöpf gern die Tür zu unseren Zimmern öffneten. Harmlosere Kinderlektüre läßt sich nicht denken, und kaum eine, die deutscher sein könnte. Goethe und Disziplin, Ordnung und Vaterlandsliebe gehörten selbstverständlich zum Alltag dieser Bürgerfamilie.

Nesthäkchen war berühmt. Die Autorin der Bücher hatte man bald vergessen. Von ihrem Schicksal war nie die Rede. Zufall oder Spiegelbild deutscher Alltagswirklichkeit in der Nachkriegszeit? Denn Else Ury, die Erfinderin des weithin geliebten Nesthäkchens, war Jüdin. Die deutsche Autorin hat das "Dritte Reich" der Deutschen nicht überlebt. Am 12. Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Vermutlich ist sie gleich von der Rampe ins Gas geschickt. worden. Das deutsche Nesthäkchen überlebte und feierte fröhliche Wiederkehr in deutsche Mädchenzimmer.

Eine Biographie von Else Ury war überfällig. Jetzt liegt sie vor, und man begreift, daß es nicht allein die Scheu vor der Wahrheit war, die ein solches Buch bisher verhinderte. Es gibt kaum gesicherte Informationen über das Leben der Else Ury, keine Tagebücher, sechs Briefe aus 65 Jahren, keine Zeitzeugen, die über die letzten Jahre der dann verfemten Autorin hätten berichten können. "Eine Annäherung an Else Ury" heißt es denn auch vorsichtig im Untertitel des Buches, das eigentlich eine Biographie werden sollte.

Die Familie Ury besitzt seit 1828 das Stadtbürgerrecht in Berlin. Der Vater ist Tabakfabrikant. Man ist kaisertreu, assimiliert, vaterländisch gesinnt, bürgerlich arriviert. Zwei Brüder hat Else Ury – einer wird Anwalt, der andere Arzt. Sie allein geht einen ungewöhnlichen Weg. Sie schreibt – zunächst natürlich anonym – für die Vossische Zeitung, verdient Geld, bleibt ledig, beginnt Bücher zu schreiben, wird berühmt und vermögend. Man kennt ihr Bild, grüßt sie auf der Straße, bittet um ihr Autogramm, Kinder laufen ihr hinterher. Bis die Nazis an die Macht kommen. Was – die Ury eine Jüdin? Man fühlt sich getäuscht. Man hat sie doch geliebt, diese schönen deutschen Bücher – und nun hat eine jüdische Hexe sie verfaßt!

39 Bücher hat sie geschrieben, als sie 1935 aus der Reichsschrifttumkammer ausgestoßen wird. Zwei Jahre später begeht einer ihrer Brüder Selbstmord. Sie will die Zeichen nicht sehen, jedenfalls lange nicht. 1933 hat sie ihr letztes Buch geschrieben, eine peinliche Ode an das deutsche Vaterland. Will sie sich anbiedern? Wird sie gezwungen? Sie kann Deutschland nicht verlassen. Sie pflegt ihre alte Mutter. Und schließlich will sie auch nicht mehr gehen: "Wenn meine Glaubensgenossen bleiben, dann habe ich so viel Mut, Charakter und die feste Entschlossenheit, ihr Los zu teilen." Dabei fliehen ihre Geschwister, ihre Nichten und Neffen, ihre Freunde. Nesthäkchen bleibt. Hat sie gehofft, ihr Ruhm würde sie schützen, jedenfalls vor dem Schlimmsten? Wie hat sie gelebt? Hat die Harmoniesüchtige gelernt zu hassen? Die meisten Fragen bleiben unbeantwortet, müssen unbeantwortet bleiben.

Marianne Brentzel hat sich offenbar selbst lange gefragt, ob sie es wagen dürfe, aus "einem dürren Gerüst von Fakten" ein solches Leben nachzuzeichnen. Sie ist das Risiko eingegangen, baute ein Leben aus Versatzstücken. Zitate aus "Nesthäkchen" und anderen Büchern der Else Ury, die autobiographisch sein könnten, Erzählungen des einzigen überlebenden Neffen, der heute in London wohnt, die sechs Briefe, Biographien von jüdischen Zeitgenossen, Geschichtsbücher und eigene Vermutungen sind der Stoff, aus dem die Autorin einen Menschen webt, der trotz aller Bemühungen fern und wie erstarrt bleibt – eher photographisch als filmisch festgehalten.