Rostig könnte man sie nennen, naturtrüb und komisch. Die Bücher des Spaniers Juan Benet könnten in einem dunklen Kastell entstanden sein, hinter feuchten Mauern, in Häusern, in denen es ein wenig müffelt nach Alter, Bohnerwachs, zerlesenen Zeitungen, zerredeten Hoffnungen und abgetakelten Liebesgeschichten. Menschen mit viel Seele und wenig Lebensmut, die sich ständig nach etwas sehnen, das der spanischen Sonne vermutlich nicht standhält, sind die Helden dieses erfolgreichen Autors. Das Wünschen ist diesen Charaktermenschen Hilfe genug, Befriedigung ein ungeschlachtes Wort, vulgär und störend im Gespinst aus Verzicht und Komik, in dem der traurige Mensch erst richtig Mensch ist. Den Ausdruck „melancholischer Erfüllung“ tragen Benets Helden zwischen den gerunzelten Augenbrauen wie andere ein Clubabzeichen am Anzug. Im Roman „Halbschatten“ wartet die einsame Protagonistin ein Leben lang auf eine Liebesnachricht, auf einen Boten, den sie in Wahrheit gar nicht empfangen will. Lieber eine falsche Leidenschaft als gar keine, glaubt die Señora. Falsche Leidenschaften haben den Vorzug, „nie auf die Probe gestellt“ zu werden. Wahre Liebe vergeht, „von einer falschen kann kein Mensch sich befreien“. Als der Bote schließlich das Haus betritt, ist alles vorbei. Das lebenslang Erwartete ist ein Treppenwitz. Der Bote ist kein Bote, er hat keine Botschaft und liest sich ohnehin in den alten Zeitungen fest, die jemand auf die gewachste Treppe gelegt hat, liest sich unerbittlich Stufe für Stufe voran, rutscht schließlich rücklings die Treppe wieder herab, reißt die veralteten Zeitungsseiten mit sich. Ungeschickt, quälend umständlich und unsinnig wie alles in diesem spanischen Leben ist auch die Ankunft des Glücks, das keines ist.

Juan Benet, 1927 geboren, war Hoch- und Tiefbauingenieur und einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Spaniens. Er debütierte 1961 mit vier Erzählungen, die er unter dem Titel „Du wirst es zu nichts bringen“ im Eigenverlag veröffentlichte. Berühmt wurde er mit dem Roman „Rostige Lanzen“, einer imaginären Chronik des Spanischen Bürgerkriegs, zu der er auch eine minutiöse Landschaftskarte eines erfundenen Schlachtfelds mit „geodätischen Punkten“ und ähnlichem verfertigt hat. In Deutschland wurde Juan Benet kaum beachtet. Die sonderbare Mischung aus Genauigkeit, Umständlichkeit, Verlorenheit und Unsinn, die seine Bücher auszeichnet, hat die Pedanten der deutschen Literaturkritik bisher verschreckt. Seine fabulösen Schachtelsätze, sein ausgetrockneter Witz, seine verschlungenen Konstruktionen waren in ihren Augen – „bis sich die Geschichte aufklärt“ – eine „Tortur“. Das Gegenteil ist wahr. Nichts klärt sich je auf, die Geschichte nicht und auch sonst nichts. „Die klarste Idee“, heißt es im Roman „Halbschatten“, „beginnt mit drei dunklen Worten.“ Am 5. Januar ist Juan Benet in Madrid gestorben, 65 Jahre alt.

ira