Ein Park voller Penner. Der Verrückte vor einem Fernseher ohne Bild. Die Alte mit dem lippenstiftbemalten Gesicht, biblische Reden schwingend. Der riesige Schwarze, sanft wie ein Engel. In unseren warmen, wenn auch engen Wohnungen bleiben sie uns fremd, bis sie dann eines Tages endgültig verschwunden sind.

Die beiden amerikanischen Autorinnen Alison Cragin Herzig und Jane Lawrence Mali schicken in ihrem Roman „Sam und die Mondkönigin“ den dreizehnjährigen Sam in den Park, um uns das Fürchten zu nehmen. Die Phantasien des Jungen sind uns nicht unbekannt, seine Ängste verstehen wir gut, seine Vorurteile spuken in vielen Köpfen. Man folgt ihm gern.

Es beginnt da, wo es endet: im Haus eines freundlichen, sperrmüllfanatischen Vermieters. Sam, soeben mit der Mutter umgezogen, soll eine Klimaanlage für deren dicke, schwitzende Freundin holen. Da macht es „Seht!“ aus der Ecke, und er entdeckt dieses seltsame Mädchen mit den weißen Haaren, der Mütze und dem kleinen Hund. Ängstlich gibt der Junge seiner Neugier nach. Eine Freundschaft nimmt ihren Anfang.

Die Klischees bleiben aus. Sam ist ein netter Junge von nebenan. Doch er haßt die Enge der neuen Wohnung und will raus. Und er mag dieses Mädchen, das Mondkönigin genannt wird und ihn in den Park führt. Dort ist ihr Zuhause, und vor allem lebt dort die alte Annie. Von ihrer Bank aus beschützt sie das Mädchen besser als die Pflegefamilien, vor denen sie geflohen ist. Sam schlottert und betet, es möge ihm nichts geschehen, bis ihn die Mondkönigin mit den Abgedrehten und Stehengebliebenen, den Alleingelassenen und Einsiedlern bekannt macht. Er wird nie ihr Freund, und das ist gut so. Damit transportieren die Autorinnen eine Geschichte in eine Realität, deren Brisanz fast ebenso groß ist wie ihre Banalität.

Allmählich glaubt man, was man nicht für möglich gehalten hätte. Unberechenbar untergräbt die Mondkönigin die geradlinigen, unbedarften Denkmuster Sams, verführt ihn zu einem nahezu unmerklichen Eintreten in ihre Welt voll existentieller Nöte. Sam seinerseits überschreitet die Grenzen zu dieser anderen Wirklichkeit staunend und unbeirrbar. Die einfache, unspektakuläre Schilderung seiner Entdeckungen und Einsichten kratzt unter den Zeilen und wirkt dichter als jede gutgemeinte Samaritergeschichte. So entsteht eine beiderseitige, vorsichtige Annäherung.

Wie endet Derartiges? Im Keller eines freundlichen Vermieters. Sam, der behütete Junge, hat große Hoffnungen für die Zukunft. Und die Mondkönigin, das gebrannte Kind, begnügt sich mit dem, was ist. Dabei belassen es die zwei Autorinnen, und das ist gut so. Brigitte Jakobeit

  • Alison C. Herzig/Jane L. Mali: