Von Rita Henß

Der alte Mann am Fuße der Burg verkauft Pflaumen. Kiloweise hat er die Früchte in weiße Papiertüten gepackt; sorgsam die kleine Tütenriege auf dem buckligen Straßenpflaster in eine Plastiksteige gelehnt. "Garantiert rein Natur", preist er mir seine Ware in kehligem, holprigem Deutsch. Acht Kronen will er haben pro Tüte. Das ist etwa so viel, wie die Pizza in der schäbigen Kneipe an der schmalen Treppengasse kostet, die von der hölzernen Baderbrücke hinauf zum Burgvorplatz führt – und wie ein tschechischer Durchschnittsarbeiter in einer halben Stunde verdient.

Einen Hot dog würde der betagte Pflaumenverkäufer in den Gassen des Laträn-Viertels auch erstehen können für den Gegenwert eines Kilogramms seiner Früchte – begleitet sogar von einer Pepsi Cola. Er könnte sich freilich auch – so er es nicht vorzieht, auf ein Paar neue Schuhe zu sparen (etwa 600 Kronen) oder auf ein Kilo Kaffee (um 240 Kronen) von seiner Einnahme drei Kügelchen icecream leisten an der in ihrem Chromglanz bizarr von den abblätternden, tristgrauen Häuserfassaden ringsum abstechenden "Gelati"-Theke. Der westliche Zeitgeist hat auch in Český Krumlov längst Einzug gehalten; einem romantisch in einer doppelten Moldauschleife gelegenen, von Schriftstellern oft gepriesenen und von Malern wie Egon Schiele als Motiv geschätzten 14 000-Seelen-Städtchen im südlichen Böhmen.

Bereits rund 800 000, vorwiegend deutsche (Tages-)Gäste jährlich lockte das mittelalterliche, seit den sechziger Jahren unter Denkmalschutz stehende Idyll in jüngster Vergangenheit an. Peu à peu – und dort wo sein Verfall am augenfälligsten war – hat man es seit den Siebzigern zu sanieren begonnen; unter Aufsicht der Unesco, jedoch ohne deren finanzielle Unterstützung. Weil aber schließlich irgendwie Geld in die Kassen fließen muß zur weiteren Pflege und Rettung von Český Krumlovs mehr als 300 historisch wertvollen Architekturen im Viertel der Altstadt und des Laträn, suchen die Stadt- und Landesväter nun verstärkt in den Tourismus zu investieren. Privatisierung und Revitalisierung lauten dabei ihre Zauberworte. Gemeinsam mit dem jungen Herrn Stadtplaner und dem Direktor des Städtischen Museums der Stadt träumen sie davon, eine Einheit von traditionellem Handwerk und zeitgenössischer Dienstleistung in dem zur Zeit nur noch von etwa tausend Menschen bewohnten, historischen Kern der Stadt zu etablieren. Das Ziel: Der Name Český Krumlov soll glänzen wie der von Salzburg, Rothenburg ob der Tauber oder Venedig.

Pizzabuden und icecream-Stände müssen als Vorboten dieser angestrebten Entwicklung der Anno 1253 erstmals erwähnten Moldau-Siedlung zu einer der meistbesuchten Städte Europas gedeutet werden. Und in manchem Hausgang am Fuße der von dem Geschlecht der Rosenberger Anfang des 14. Jahrhunderts in Besitz genommenen Burg wird auf improvisierten Verkaufstheken auch schon Souvenirkitsch feilgeboten. Ein paar Gassen weiter verweisen Galerienschilder auf die neue Nutzung alter Gewölbe. Und vor der Renaissancekulisse des Ringplatzkarrees haben Fiaker malerisch Aufstellung genommen. Auch in den Räumen der Touristeninformation am Rande des Platzes hat man sich mit fremdsprachigem Prospektmaterial vorsorglich auf ertragreiche Zeiten eingestellt; die deutsche Version des Stadtführers, bedauerte die Dame hinter dem Schalter, sei momentan allerdings vergriffen.

Im englischen Heftchen steht zu lesen, daß Adalbert Stifter unweit von (böhmisch) Krumau – wie Český Krumlov damals hieß – in Oberplan (heute: Horní Planá) geboren wurde. In seinem Roman "Witiko" schwärmte er von der Lage der Stadt: "Die Moldau macht einen Ring, dann macht sie außerhalb desselben einen zweiten, verkehrten und dann noch größeren, der wieder verkehrt ist und aus ihm stehen gerade Felsen empor." Stifters Landsmann und Schriftstellerkollege Karel Čapek indes gesteht angesichts des mäandernden Bandes des Flusses: "Ich weiß nicht, wie oft sich hier die Moldau windet; bevor du die Stadt durchwanderst, und hältst du dich dabei in möglichst gerader Richtung, so überschreitest du den Fluß etwa fünfmal."

"Gasthäuser", so unterrichtet Čapek dann jedoch präzise seinen Leser, habe die Stadt "vierundvierzig" (heute findet der Besucher kaum mehr als eine Handvoll Etablissements, die diesen Namen verdienen); "drei Kirchen, nur ein Schloß, aber dafür ein großes, zwei Tore und eine große Menge von Denkmälern". Überhaupt sei, meint der Dichter doppelzüngig, "eigentlich die ganze Stadt ein einziges historisches Denkmal, was ein wenig an Siena erinnert oder an Stirling oder andere berühmte Orte". – Wohin der Flaneur sich auch wende, bilanziert Čapek sein Krumau-Portrait, sehe er nur "Malerisches und Altertümliches". Und über allem herrsche "dort oben das Schloß" mit seinem dickleibigen, wie ein behauener Fels auf dem unbehauenen vorspringenden Turm – "einer der eigentümlichsten Türme, die ich jemals gesehen habe".