Vor zwölf Jahren war es der WHO, der Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen, eingefallen, 1981 zum „Jahr der Behinderten“ auszurufen. Ach, hättet ihr doch geschwiegen!

Als Betroffener habe ich mich damals im stern zu Wort gemeldet und mich gefragt, ob es für einen Journalisten nicht genüge, behindert zu sein – muß ich auch noch drüber schreiben? Ich meinte zu müssen. Heute muß ich es aus einem anderen Grund – ich komme gleich darauf zurück.

Von den Nichtbehinderten wurde damals erwartet, wenigstens ein Jahr lang zu den Behinderten nett zu sein. Dieses Nettsein war oft gleichbedeutend mit seelischer Prügel. Das ginge ja noch, schlimmer war für beide Seiten etwas anderes. Man muß das mal so sehen:

Die Konfrontation mit Behinderten ist für den Intakten eine Provokation, denn der Versehrte führt dem Unversehrten ja vor Augen, was ihm selber morgen blühen könnte, durch eine Erkrankung, ein Leiden, einen Verkehrs-, Arbeits- oder Sportunfall. Und dann ist er auch so: eingeengt, vielleicht im Rollstuhl oder an Krücken oder gaga oder alles zusammen.

Ein Jahr lang wurde damals getrommelt. Bitte habt für die Behinderten Verständnis, es geht nur miteinander füreinander ... Parolen für eine schöne Welt. Leider ist die Welt anders: Sie stieß den (noch) Heilen mit der Nase auf das ihm drohende schreckliche Los. Und da sollte der Nichtbehinderte frohgemut auf den Behinderten zugehen? Nee, bitte nicht.

So, nun haben wir 1993 und wieder ein Etikett: „Das Jahr der Senioren“, der Menschen im gereiften Alter – es gibt viele blumige Formulierungen. Einem Pfiffigen aus der PR-Branche wird sicher noch was Griffiges einfallen. Mein Vorschlag wäre „Anno Grufti“.

Ich ertappe mich (inzwischen auch in dieser Hinsicht ein Betroffener), über die Jahres-Widmung erneut was zu schreiben. Ist die Ausgangslage nicht eine ähnliche wie 1981 im „Jahr der Behinderten“, das sich als Behinderung erwies?