Allerdings. ZDF-Direktoren zensierten darum unlängst eine Missfits-Nummer, weil darin Wörter vorkamen, die "dem Fernseh-Publikum abends ab 20.15 Uhr nicht zugemutet werden können", hieß es aus Mainz. Gegen jede vertragliche Vereinbarung wurde geschnitten, ohne die Künstlerinnen vorher zu informieren. Der Sketch spielte auf einer Retortenstation. Die schlimmen Wörter? Nein. Nicht die. Es handelte sich um "Schamlippenveränderungen" und "Abtreibung".

Der ganze Vorfall, inklusive ZDF-Direktor, könnte aus einem ihrer Programme sein. Solche Herren gehören zum Repertoire von Stephanie Überall. Sie ist die Frau, die Männer spielt. Neurotische Journalisten, Beamte, Stempelfetischisten. Auf der Bühne ist sie die Hektikerin, die in nervöser Strenge total Entrüstete. Gerburg Jahnke ist Vamp und Mutti und Kumpel, je nach dem, welchen Hut sie gerade trägt. Selbstverständlich wollen beide auf diese Typen, die sie besonders gut verkörpern können, nicht festgelegt werden. Und wie in mancher Ehe ist bei Missfits hinter der Kulisse das Gegenteil von dem richtig, was nach außen gezeigt wird.

"Gerburg", sagt Stephanie, "ist ungeduldig. Sie kann nicht abwarten, daß sich nach und nach eine Figur, eine Szene entwickelt. Sie ist immer unzufrieden. Ich finde meine Meinung natürlich auch immer richtig. Gerburg ist der D-Zug. Ich bummel auf meine Art hinterher." Manchmal fehle ihr aber die dicke Haut.

"Ja, wir streiten uns heftig", sagt Gerburg vergnügt, "und daraus entsteht dann die Persiflage. Draußen, auf der Bühne, ist es oft anders. Ich kann mich gehenlassen. Besonders in den alten Nummern, die wir schon so oft gemacht haben. Ich sage plötzlich Dinge, die nicht vorbereitet sind, und Stephanie geht darauf ein. Da haben wir den gleichen Rhythmus auf spielerischer Ebene." Ein Traumpaar also. Es träumt von Trennung. Jede für sich auf der Bühne ohne die andere. Wir hören das Publikum aufstöhnen... "Irgendwann mußt du aufpassen", sagt Stephanie mit umwölkter Stirn zu der vom Solo plaudernden Gerburg, "daß du den Zeitpunkt nicht verpaßt." Szenen einer Künstlerinnen-Ehe. Die Paartherapie haben sie schon hinter sich. Sie war hilfreich: "Grenzen ziehen. Distanz herstellen."

Wie alles anfing? Wie sich die beiden kennenlernten? Das liest sich wie ein frauenbewegter Groschenroman. Aber es war nun einmal so: in einem Frauenworkshop, beim abendlichen Literaturkurs an der Volkshochschule in Mülheim an der Ruhr. Gerburg leitete den Kurs, Stephanie war Zuhörerin. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick, wenn das gesagt werden darf. Stephanie brach ihr Literatur- und Germanistikstudium ab, Gerburg hängte Lehrerinberuf und Lover an den Nagel. Seitdem arbeiten und reisen sie zusammen, wenn sie auch nicht zusammenleben.

Erste Erfahrungen sammelten sie auf den Campingplätzen der Provence. Fünf Frauen "in der umgebauten VW-Bussin ‚Annette‘." Straßentheater. "Eine harte Schule. Waren wir schlecht, gingen die Leute weiter, und wir verdienten nichts." Auf den Fahrten durch Frankreich entstand aus Langeweile die heute unter Missfits-Fans bestens bekannte "Femini-Spräch", eine Parodie auf die feministische Kritik an der Männersprache, ein zungenakrobatischer Hochseilakt von Stephanie Überall in der Rolle der Dozentin Gsielinde Geisiemeisie (heißt: Gerlinde Geiermeier).

In den ersten Jahren war die Oberhausener Kulturfabrik Altenberg Produktions- und Hauptspielort der Gruppe. Sie löste sich auf, als das Zentrum 1987 schließen mußte. Nach knapp einjähriger Pause beschlossen Jahnke und Überall als Theater Missfits weiterzumachen. Ihr erstes Programm "Eine Frau ist eigentlich ein Mann, nur eben ein weiblicher" stellten die beiden 1988 in nur knapp drei Wochen auf die Bühne. In der neuesten Produktion "Frauen und Kinder zuerst" ist als dritte Frau auf der Bühne Jutta Jahnke Stargast. Sie ist Gerburgs Schwester, Missfits-Agentin und trat sechs Jahre beim Zelttheater Fliegende Bauten auf. Ab und an ein Gast. Das soll zur Einrichtung werden. Ganz ähnlich wie in der Muppet-Show. Gut möglich also, daß sich Theater Missfits auch mal einen Mann leisten wird; für ein, zwei Auftritte.