Für viele, die öfter über als mit Studenten reden, war die jüngste Erhebung zur Situation und Orientierung der Studenten eine große Überraschung. Die im Auftrag des Bonner Bildungsministeriums von Konstanzer Wissenschaftlern erarbeitete Studie ergab: Die Studenten von heute setzen in der Mehrzahl auf Leistung und die stimulierende Wirkung des Wettbewerbs.

Sie studieren vor allem, um hinterher einen gutdotierten Job zu bekommen und nicht, um sich im Studium selbst zu verwirklichen oder gar, um den Ernst des Berufslebens noch weiter vor sich herzuschieben. Ganz im Gegenteil, die meisten meinen, je schneller sie ihr Studium abschließen, desto erfolgreicher sind sie im Beruf. Es ist daher nur folgerichtig, daß sie ihre Zeit nicht mit politischen Protesten, gesellschaftskritischen Diskussionen oder Selbsterfahrungsgruppen zubringen, sondern daß sie versuchen, sich so gut wie möglich durch das marode Hochschulsystem zu kämpfen.

Nun ist es Sache der Hochschulpolitiker, aus diesem Befund Schlüsse zu ziehen. Woran liegt es zum Beispiel, daß die Studienzeiten immer länger werden, obwohl die Studenten gern in kürzerer Zeit studieren möchten? Doch lassen wir das. Von den ungelösten Hochschulfragen soll diesmal nicht die Rede sein, sondern von einem anderen unerklärlichen Phänomen. Wie kommt es eigentlich, daß die Gesellschaft mit „ihren“ Studenten niemals zufrieden ist? Die heutige Studentengeneration etwa, die sich im Prinzip nicht viel anders verhält als der Rest der Gesellschaft, wird als ein Haufen angepaßter, karrieregeiler, politisch bewußtloser, geldgieriger Yuppies beschimpft. Die Studenten der späten siebziger, frühen achtziger Jahre dagegen galten als dumpfe Verweigerer, feige Aussteiger, als lebensuntüchtige Schlaffis, die aus reiner Bequemlichkeit an der Uni herumgammelten. Noch schlimmer war natürlich die Generation davor, die inzwischen legendären 68er, die Revoluzzer, die wegen ihres Kampfes gegen den Vietnamkrieg und für die Weltrevolution nicht zum Studieren kamen und sich gelegentlich sogar an den Talaren der Professoren vergriffen.

Offenbar sind die Studenten der Gesellschaft zu allen Zeiten ein großes Ärgernis gewesen. Wer glaubt, dies sei eine Nachkriegserscheinung, irrt sich gewaltig. Schon die vagabundierenden Scholaren des hohen Mittelalters sahen sich mit dem Mißtrauen der seßhaften Bürger konfrontiert. Bereits im 17. Jahrhundert erfand die satirische Literatur den Cornelius Relegatus, den ewigen Bummelstudenten, oder den Blasius Multibibus Vielsauff, der angeblich vor allem in Wittenberg anzutreffen war, während der pietistische Mucker die Universität Halle und der parfümierte Stutzer Leipzig bevorzugte. Um 1500 soll ein Drittel der Göttinger Studentenschaft geschlechtskrank gewesen sein, und über Wittenberg kursierte das Verschen: „Geht man zu Wittenberg durchs Tor, begegnet einem Schwein, Student oder Hur.“

Auch wenn es damals noch keine statistischen Erhebungen oder Meinungsumfragen gab: Jede Epoche meinte zu wissen, was sie von „ihren“ Studenten zu halten hatte. Und immer schwang bei dem Urteil unterschwellig auch Mißgunst mit, Neid auf das Privileg der vermeintlichen Freiheit der Studenten, die nicht mehr unter der Fuchtel von Eltern und Schule stehen und noch nicht in der Zwangsjacke des Berufsalltags stecken. Sagen solche Urteile nicht mehr über die Beschaffenheit der Gesellschaft aus als über die Studentenschaft? Ob Schlaffi, Yuppie oder Vielsauff – jede Gesellschaft hat die Studenten, die zu ihr passen.

Sabine Etzold