Von Fredy Gsteiger

Die Bemerkung von Faisal Husseini läßt aufhorchen. "Was Rabin tat, war verrückt", empört sich der führende palästinensische Politiker in den von Israel besetzten Gebieten. Bemerkenswert ist, daß Husseini entgegen allem militanten Wortgetöse nicht den "Menschenverächter" oder den "Verbrecher" Jitzhak Rabin geißelt, sondern lediglich die Unvernunft beklagt, 415 Palästinenser in den Libanon abzuschieben. Husseini räumt gar ein, er habe gegen ein korrektes Verfahren zur Verurteilung der Mörder des israelischen Grenzpolizisten Nissim Toledano nichts einzuwenden. Verhängnisvoll scheint ihm hingegen die völkerrechtswidrige Deportation der Agitatoren aus der islamistischen Hamas-Bewegung und einiger irrtümlich Mitvertriebener.

Mit Hilfe der Weltpresse war es gelungen, die in Regen und Schnee ohne ausreichende Versorgung im Südlibanon Frierenden zu Helden, jedenfalls aber zu unschuldigen Opfern zu stilisieren. Der öffentliche Druck zwang sogleich die PLO und in ihr selbst vehemente Befürworter des Friedensprozesses, sich mit den Hamas-Aktivisten zu solidarisieren. Elias Freij, der palästinensische Bürgermeister von Bethlehem und alles andere als ein fanatischer Revoluzzer, erklärte: "PLO und Hamas – wir sind alle ein Volk, eine Familie." Wenn Faisal Husseini heute sagt "Ich fühle mich wie in einem Raum, in dem sämtliche Lichter gelöscht wurden und keiner eine Kerze zum Anzünden hat", deutet er an, wie nachteilig sich der Auftrieb für Hamas auf die ohnehin zähen Friedensgespräche auswirkt.

Die PLO-Führung hat schon lange bemerkt, daß ihr mit den Islamisten ein gefährlicher Konkurrent erwachsen ist. Je mehr sie sich von ihrer Maximalforderung einer Rückeroberung ganz Israels losgesagt hat, um so stärkeren Zulauf haben ihre radikalen Nebenbuhler Hamas und – noch extremer, aber weniger einflußreich – der Islamische Dschihad bekommen. Ein Großteil der vielen hundert Opfer innerpalästinensischer Auseinandersetzungen ist den Rivalenkämpfen zwischen den verschiedenen Befreiungsbewegungen zuzuschreiben.

Spät, womöglich zu spät, hat hingegen die israelische Regierung erkannt, welche Gefahr von Hamas ausgeht. Jahrzehntelang fixiert auf das Feindbild PLO, hat sie die Islamisten ungestört ihre Zellen errichten lassen und sie oft gar ermutigt – so sehr, daß mancher PLO-Politiker die Hamas als "israelische Schöpfung" darstellt. "Teile und herrsche", lautete noch in der Amtszeit der Likud-Regierung von Jitzhak Schamir das Gebot. Was der PLO schadet, muß Jerusalem nützen, dachten die Verantwortlichen. "Eine fatale Fehleinschätzung", räumen inzwischen hohe Militärs ein.

Geschickt und getreu der Tradition der in den zwanziger Jahren in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft hat es Hamas – ein Akronym des arabischen Begriffs für "Bewegung der islamischen Revolution", das gleichzeitig "Eifer" bedeutet – verstanden, in den besetzten Gebieten Wurzeln zu schlagen. Jahrelange Basisarbeit in den Flüchtlingslagern und in Slumstädten wie Gaza begründete den heutigen Einfluß der Bewegung. Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen und natürlich Moscheen wurden von Hamas gebaut und betrieben, soziale Dienste für Tausende geleistet Die Islamisten boten einerseits materielle Hilfe und verordneten andererseits Religion als Opium für ein entmutigtes Volk. In jedem Stadtviertel, in jedem Dorf baute die Bewegung Strukturen auf. Deshalb ist sie so schwer zu enthaupten.

Selbst die Tatsache, daß ihr Anführer, der an den Rollstuhl gefesselte, sprechbehinderte Scheich Achmad Jassin, "der Prophet des Terrors", seit Jahren hinter israelischen Kerkermauern schmachtet, bereitet Hamas kaum Schwierigkeiten. Die Israelis schätzen zwar seit jüngstem die Hamas-Gefahr richtig ein, zumal Attentate gegen Armeeangehörige immer häufiger werden. Die Soldaten bezeichnen die Hamas-Hochburg, den Gaza-Streifen, mittlerweile schlicht als "die Hölle".