Genf

Mit eisigen Mienen treten Cyrus Vance und David Owen vor die Journalisten. Der Pressesaal im Genfer Palais des Nations war selten so überfüllt und selten so still wie an diesem Dienstag mittag. Die übliche Eingangserklärung der Vermittler im Balkankonflikt bleibt aus. Einen Korrespondenten hält es nicht mehr auf seinem Sitz: "Hat der bosnische Serbenführer Karadžić den Verfassungsentwurf im Genfer Friedensplan akzeptiert?" Die Mundwinkel von Vance reichen bis an seine Kragenecken: "Nein." Lord Owen ergänzt: "Es wird keinen Waffenstillstand geben. Die Gespräche mit Karadžić sind beendet."

Die Jugoslawienkonferenz schien gescheitert zu sein, obwohl die Präsidenten von Serbien und Jugoslawien, Slobodan Milošević und Dobrica Ćosić, dem Friedensplan überraschend zugestimmt hatten. Aber der bosnische Serbenchef war zu keinem Kompromiß bereit. Vance wollte UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali noch am Nachmittag vom Abbruch der Verhandlungen berichten. Doch er kam nicht dazu. Keine drei Stunden später saß Radovan Karadžić wieder am Konferenztisch. Und nach weiteren zwei Stunden kursierte im Völkerbundspalast eine serbische Presseerklärung, nach der Karadžić dem Verfassungsentwurf zustimmt, wenn das bosnisch-serbische Parlament ihm den Segen gibt – innerhalb von sieben Tagen.

Damit wollte der serbische Psychiater Zeit gewinnen und sich dem enormen Druck entziehen, den die versammelte Balkanprominenz auf ihn ausübte. Vance und Owen hatten den bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic, den kroatischen Staatschef Franjo Tudjman und aus Belgrad die Serben Ćosić und Milošević nach Genf geholt, um den Kämpfen in Bosnien ein Ende zu setzen.

Auf dem Verhandlungstisch lag der Friedensplan der beiden Vermittler für das geschundene Bosnien-Herzegowina. Das 20-Seiten-Papier besteht aus drei Teilen: einem Verfassungsentwurf für einen dezentralen bosnischen Staat; einer Karte mit zehn Provinzen, in denen jeweils die serbische, kroatische oder muslimische Mehrheit die mächtige Lokalregierung stellen soll; und einem Abkommen über einen Waffenstillstand und die Trennung der Streitkräfte.

Einer hat den Plan bereits leichten Herzens unterschrieben: der Chef der bosnischen Kroaten Mate Boban. Die kroatischen Provinzen bilden mit nur einer Ausnahme ein zusammenhängendes Gebiet, während die serbischen und muslimischen Gebiete zersplittert sind. Die Muslime wollen für ihre Unterschrift mehr Land haben – akzeptieren den Plan aber grundsätzlich. Die Serben wiederum verlangen eine direkte Verbindung ihrer Gebiete mit dem serbischen Mutterland. Doch die Gretchenfrage an die Serben, von deren Beantwortung der Erfolg der Konferenz abhängt, lautet: "Wie haltet ihr es mit dem Staat im Staate?" Der Anschluß an Belgrad oder zumindest ein unabhängiger Ministaat ist das erklärte Kriegsziel der Serben. Vance und Owen aber bestehen auf den alten Grenzen Bosniens.