ERKLÄRUNGEN AUS DEM UNERKLÄRLICHEN Von David Feldman

Warum haben die meisten Bücher zwei Titelseiten?

Wenn Sie ein Buch öffnen, werden Sie oft feststellen, daß auf der ersten bedruckten Seite nichts weiter aufgeführt ist als der Buchtitel, oft klein und in die rechte obere Ecke gequetscht. Blättern Sie um – erst dann werden Sie die offizielle Titelseite finden, auf der der Autor steht und auch der Name des Verlags am unteren Ende der Seite. Was ist der Sinn dieser allerersten Titelseite, die unter Fachleuten Schmutztitel heißt? Warum fängt ein Buch so langweilig an, wenn die ausführlichen Angaben über Titel, Autor und Verlag ohnehin auf der richtigen Titelseite dahinter stehen?

In der Zeit, als Bücher erstmals gedruckt statt handgeschrieben wurden, waren die Buchhändler meist auch die Verleger der Werke. Die Drucker schickten die Stapel gedruckter Blätter an die Buchläden zum Binden und überließen die nackten Seiten dabei ungeschützt den Elementen. Das oberste Blatt eines Bundes wurde oft zerstört, genau wie heute die erste Seite von Zeitungen manchmal zerrissen oder verschmutzt bei den Lesern ankommt. Die Drucker begannen also damit, die erste Seite gar nicht mehr zu bedrucken; der Buchbinder nahm sie dann weg, bevor er das Buch herstellte.

Das einzige Problem dabei war, daß die freie erste Seite die Identität des Buches verbarg. Wenn potentielle Kunden sich ein noch nicht gebundenes Buch ansahen – so war das damals im Buchhandel –, mußten sie die erste Seite umblättern, um den Titel zu erforschen. Um dieses lächerliche Problem zu lösen, fingen die Drucker an, eine rudimentäre Titelangabe auf die erste Seite des Buchs zu drucken, die damit bereits unseren ominösen Schmutztiteln ähnelte. Obwohl diese Seite immer noch dazu gedacht war, daß sie vor dem Binden abgeschnitten wurde, gewöhnten sich die Käufer an die Extra-Titelseite und wollten sie in der gewohnten Gestalt behalten; also hatte man nun eine erste Seite im Buch, die sowohl die Titelseite schützte als auch selbst das Buch identifizierte. So kam unser Schmutztitel auf die Welt; und daß er nicht besonders nobler Herkunft ist, zeigt schon sein Name.

Bald begannen die Drucker, Bücher sofort nach dem Drucken zu binden; der harte Buchdeckel schützte also die Seiten, und der Schmutztitel verlor eigentlich seine Funktion. Als die ausführliche Titelseite mit Titel, Autor und Verlag sich um 1600 durchgesetzt hatte, war die ursprüngliche Aufgabe des Schmutztitels vermutlich bereits vergessen. Aber Traditionen sind hartnäckig, und so findet er sich heute noch in den meisten Büchern.

© David Feldman. Deutsche Rechte durch Paul & Peter Fritz AG, Zürich. Bearbeitung: Barbara Rausch