Von Peter GlotzI.[[[p]]]

Südosteuropa? Der Westen ist ratlos. In Deutschland zum Beispiel erzielt der Postminister, ein gebildeter, eher scheuer Technokrat, vom Studium her Sinologe, das erste und wahrscheinlich letzte Mal in seiner politischen Laufbahn Balkenüberschriften: Er tritt zurück, weil er es nicht mehr erträgt, einer in der Südosteuropa-Politik "untätigen" Regierung anzugehören. Großer Tusch! Wenn man aber liest, was er über Südosteuropa zu sagen hat, dann geht’s über die Gedankenstummel des wohlmeinenden Deutschen nicht hinaus: "Es muß etwas geschehen" – "Zur Not muß geschossen werden" – "Die Serben sind die schlimmsten".

Keines dieser Motive – es sind eher ethisch eingefärbte Gefühle als empirisch gehaltvolle Schlußfolgerungen – ist ganz falsch. Aber leider enthalten solch innere Schübe nicht die Spur einer Idee, wie man die Massenmorde beenden könnte, die 200 000 Bewaffnete in Bosnien begehen. Nach Angaben des amerikanischen Generals McCaffrey sollen sie in fünf Fraktionen gespalten sein und von neunzehn regionalen Kriegsherren angeführt werden.

Natürlich, auf der Ebene der Zuständigen ist man einen Schritt weiter. Da hat man Sanktionen gegen die Bundesrepublik Jugoslawien verhängt. Sie sind nicht wirkungslos. Wer sich in Belgrad operieren lassen will, muß den Faden, mit dem seine Wunde genäht werden soll, selbst mitbringen; auch können serbische Intellektuelle die vernichtende Kritik ihres Landes in der FAZ ("ein unzivilisierter Staat") nicht mehr lesen, es gibt keine ausländischen Zeitungen. Der Nachteil der Sanktionen scheint zu sein, daß der serbische Präsident Milošević, einer der schlimmsten nationalbolschewistischen Demagogen auf dem Balkan, sich bei all seinen Mißerfolgen auf die Sanktionen herausreden kann. Auch kann er geheimnisvollerweise immer noch einen indischen Großauftrag zur Lieferung moderner Feuerleitanlagen für Panzer bedienen; die Elektronikbauteile kommen aus dem eigentlich verfeindeten Slowenien.

Demnächst will man die Sanktionen verschärfen – Milošević hat, nachdem der Westen der serbischen Opposition keinerlei Perspektiven bot, die Wahlen, wenn auch mit üblen Kunstgriffen, gewonnen. Ob mit solcher Verschärfung allerdings mehr beruhigt wird als das schlechte Gewissen der westeuropäischen Mittelklassen, steht dahin.

Bleibt die Idee einer Militärintervention. Ihr kann man, anders als bis 1989, nicht mehr mit dem Hinweis begegnen, daß jeder regionale Konflikt zum Nuklearkrieg ausarten kann. Auch pazifistische Formeln ("Menschen und ihre Rechte dürfen nicht im Namen der Menschenrechte militärisch vernichtet oder verletzt werden") helfen nur über die Sonntage. Wenn die "zivilisierten Völker" Landraub und Völkermord – den sie verhindern könnten – geschehen lassen, könnte es mit ihrer Zivilisiertheit bald vorbei sein.

Moralisch wäre ein militärischer Eingriff in Bosnien längst legitimierbar. Man muß sich allerdings klarmachen, was er bedeutet, wer ihn führen könnte und wohin er führen soll. Gerade daran aber hapert es. Das vernichtendste Urteil über die politischen Klassen Europas ist es, daß die Debatte der Generäle realistischer und vorsichtiger ist als die der Politiker, die sich alle naselang von bramarbasierenden Bellizisten (jeglicher Färbung) unter Druck setzen lassen.