Müllerskinder sind die Glückspilze der Literatur: der „Taugenichts“, Brentanos „Märchen vom Rhein und dem Müller Radlauf“, „Der arme Müllersbursch und das Kätzchen“ von den Grimms; auch das Mädchen, das sich mit Rumpelstilzchen einließ, war eine Müllerstochter.

Selbst eher indolent veranlagt, ohne größere Ambitionen, lassen sie sich leicht manipulieren, finden immer jemanden, der für sie denkt und handelt, und zu guter Letzt fallen ihnen die Könige, die Prinzessinnen und hübschen Mädchen wie selbstverständlich in den Schoß. So auch jenem Müllerssohn, der nach der Testamentseröffnung nur einen Kater zugesprochen erhielt.

Perrault schrieb dieses Märchen nach alten italienischen Vorlagen zu einer Zeit, als geniale Hochstapler und Blagueure nur so aus dem Boden schossen, eine Spezies, die wenig vom Mäusefangen sprich Arbeiten hielt, lieber das Köpfchen einsetzte und corriger la fortune betrieb. Insofern ist der berühmte Kater, den die Tiergestalt – La Fontaine läßt grüßen – dem moralischen Gesetz enthebt, eine zeittypische Erscheinung. Als ausgepichter Filou und Meister strategischer Schachzüge verhilft er seinem Herrn und somit sich selbst zu einer sorgenfreien Lebensstellung. Eine alte Geschichte, doch ewig neu, denn wer will behaupten, daß schwache Charaktere nicht wie eh und je durch gewiefte Hintermänner in Spitzenpositionen ... (Keine Namen, keine Namen!)

Die Ministermiene, mit der maître chat auf dem Umschlagbild von Fred Marcellino einen imaginären Punkt fixiert, gehört schon zur neuerworbenen Identität als Ratgeber und Intimus des königlichen Schwiegersohns; Blick, Geste und Aufmachung sind für die Nachwelt bestimmt, denn man findet sie auf der letzten Seite wieder: der einstige Gauner, nunmehr in Hofkleidern, à la Rubens verewigt, von ehrfürchtigen Mäusen bewundert wie die Sixtinische Decke von Romtouristen.

Es sind dies Anfang und Schluß eines ungetrübten Augenschmauses, den der Gerstenberg Verlag zum zehnjährigen Jubiläum serviert. Der amerikanische Graphiker Marcellino zeichnet den König als Karikatur Ludwigs XIV. (das dünne Schnurrbärtchen, die Rhingraventracht, die graziöse Beinstellung), der Kater büßt trotz seiner Stulpenstiefel nie die kätzische Attitüde ein, und der mächtige Zauberer gemahnt an Chruschtschow (sieht man von den wie gekochte Eier hervortretenden Glotzaugen ab), der sich als Van Bett aus „Zar und Zimmermann“ verkleidet hat. Und der Müllerssohn bleibt der hübsche Lackel – ob entkleidet im Fluß oder im galonierten Surtoutrock als „Graf von Carabas“.

Marcellino hat eine Vorliebe für eigenwillige Perspektiven; mal liegt man mit dem Müllerssohn zwischen den Seerosen im Wasser, dann wieder sitzt man mit den Herrschaften in der Staatskarosse und erlebt die schreiende Landbevölkerung durch die Glasscheibe; man kriecht auf dem Boden, kauert neben Tischen, rennt hinter den auftragenden Dienern läuferbelegte Stufen hinunter und fährt entsetzt zurück, wenn der zum Löwen verwandelte Zauberer sich auf dem Tisch wie ein Pferd bei der Levade bäumt und die Kandelaber ihre Kerzen in alle Richtungen abfeuern. Gesättigt von einem prächtigen, doch nie knalligen Farbenrausch, rollt man sich zuletzt mit dem Kater neben den ausgezogenen Stiefeln auf dem Treppenabsatz zusammen, während unten, in der Halle, die Hochzeitsgesellschaft ihre Toasts ausbringt.

Zu fragen bleibt nur, warum Perraults Text eigens aus dem Amerikanischen übertragen werden mußte, wo doch genügend Übersetzungen aus dem Französischen vorliegen. Ein unnötiger Rösselsprung, scheint mir, importiert doch niemand französische Weine aus den Staaten, sondern bezieht sie direkt vom Erzeuger. Karla Schneider