Der Wissenschaft ist nichts fremd – nicht einmal der Fremdenhaß. Die Angst vor Fremden ist nur allzu menschlich, die Furcht vor Fremden hat, selbst in den schlimmsten Exzessen, ihre anthropologischen Wurzeln. Alles zu verstehen heißt aber auch hier keineswegs, alles zu verzeihen. Im Gegenteil: Als Kulturwesen, das in der Lage ist, die Fesseln seiner Natur zu lockern, erfährt der Mensch Fremdheit zugleich als unschätzbare Bereicherung eigener Erfahrung. Fremdenhaß ist daher Ausdruck von Unkultur.

Exzesse der Fremdenfeindlichkeit, die an vielen Orten Pogromcharakter annehmen, brechen heute allenthalben in Europa und in der Welt aus. Was in Deutschland geschieht, geschieht auch anderswo. Unsere Geschichte aber verpflichtet uns Deutsche, dem Haß auf Andersfarbige, Andersgläubige, Anderssprachige, anders Lebende und anders Liebende mit anderer Entschiedenheit und kompromißlos entgegenzutreten. Wir dürfen uns über ausländische Kommentare freuen, die bei allem Entsetzen über das, was jetzt wieder in Deutschland geschieht, davor warnen, das größere und vereinte Deutschland in die Nähe des nationalsozialistischen Großdeutschland zu rücken. Wir Deutschen selbst aber sind dazu verpflichtet, vom Schlimmsten auszugehen.

Deutsche Wissenschaftler und Künstler werden in dieser Zeit daran erinnert, daß in unserem Volk vor kaum zwei Generationen ein bedeutender, wenn nicht der bedeutendste Teil seiner Elite, darunter vor allem deutsche Juden, zunächst als fremdartig diffamiert, dann als minderwertig abgesondert, vertrieben und verjagt und schließlich – auch mit Hilfe von Wissenschaftlern – systematisch vernichtet wurde.

Wir sind Erben, dieser deutschen Schande. Um so mehr hat uns als junge, ausländische Wissenschaftler in Europa und in den USA bewegt, wie wir als Fremde von den Opfern der deutschen Judenverfolgung und deren Kindern allenfalls mit prüfender Höflichkeit, oft genug aber mit beschämender Herzlichkeit aufgenommen und in der internationalen Wissenschaftlergemeinschaft willkommen geheißen wurden.

Ein Deutschland aber, in das zu reisen anderen Wissenschaftlern Angst einflößt, wird schnell erfahren, daß das neugewachsene Vertrauen in seine Zivilität und humane Verläßlichkeit über Nacht wieder zerstört werden kann. Wir hätten dann das Zerstörungswerk fortgesetzt und vollendet, das die Nazis begannen. Mit Appellen alleine ist es nicht getan. Ohnehin entwickelt sich in Deutschland ein Kult der Gesten, Appelle und wohlfeilen Absichtserklärungen, der Probleme eher verdrängt als dazu beiträgt, ihre Ursachen zu beseitigen.

Was können wir tun?

1. Es ist ein Glücksfall, daß mit dem 1. Januar 1993 die Vollendung des europäischen Binnenmarktes allen EG-Bürgern die freie Wahl ihres Wohnsitzes garantiert. Deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute sollten nachdrücklicher noch als bisher ihren Ehrgeiz darein setzen, die besten Wissenschaftler aus Europa und darüber hinaus zur Mitarbeit zu gewinnen.