Von Marie-Luise Bott

Es gibt drei Tagebücher aus dem Ghetto von Wilna: das des 14jährigen Schülers und Jungkommunisten Jitshok Rudaszevski, dessen ganze Hoffnung Stalins Rote Armee war; das des 43jährigen Bibliothekars und Sozialisten Herman Kruk, einem Mitglied der Widerstandsbewegung im Ghetto, der Farejnikte Partisanen Organisazje; und das des 60jährigen gläubigen Judaisten Zelig Kalmanovicz. Keiner von ihnen hat überlebt. Aber ihre Tagebücher überlebten. Auf Deutsch liegt keines vor.

Wilna: das „litauische Jerusalem“, die Stadt der 300 Synagogen. Wilna: das Ghetto mit dem ersten Widerstand, dem militärischen und kulturellen; das Ghetto mit dem schönen Kopf von Aba Kovner, Leiter der Partisanenorganisation, und mit der Stimme von Abraham Sutzkever, dem großen jiddischen Dichter und Widerstandskämpfer.

Abraham Sutzkever wurde 1913 in Smorgon bei Wilna geboren. Zwei Jahre später floh seine Familie vor den marodierenden russischen Truppen ins sibirische Omsk. Nach dem frühen Tod des Vaters kehrte die Familie 1920 wieder nach Wilna zurück. Sutzkever studierte Jiddisch am Jüdischen Wissenschaftlichen Institut (YIVO) und besuchte literaturtheoretische Vorlesungen an der Universität. 1934 trat er dem Künstler- und Literatenkreis „Jung-Wilne“ bei. Eigene Gedichte veröffentlichte er ab 1932 in Wilna, Warschau und New York. Bis 1940 erschienen zwei Sammelbände: „Lieder“ und „Vom Wald“. Als sich 1941 die Rote Armee aus Wilna zurückgezogen hatte und die Stadt Ende Juni von den Deutschen besetzt worden war, kam auch Abraham Sutzkever zusammen mit über 80 000 jüdischen Einwohnern von Wilna ins Ghetto. Dort wurden sein erstgeborener Sohn und seine Mutter umgebracht. Sutzkever selbst schloß sich im Januar 1941 Aba Kovners Aufruf zum bewaffneten Widerstand an und floh am 12. September 1943, elf Tage vor der völligen Vernichtung des Ghettos, mit seiner Frau Frejdke zu den Partisanen in die Wälder von Narocz.

Wer sein erstes, nicht in Versen geschriebenes Werk lesen will, den Bericht „Fun wilner geto“, muß sich schon an die Bibliothek von Nanterre wenden. Dort gibt es noch ein Exemplar der französischen Übersetzung aus dem Jahr 1950 (eine deutsche liegt nicht vor). Sutzkever schrieb diese 267 Seiten im Sommer 1944 in Moskau. Eingeladen hatte ihn die „Literarische Kommission“ des „Jüdischen antifaschistischen Komitees“, die unter Leitung von Ilja Ehrenburg und Wassilij Grossman umfangreiches Material über die Massenvernichtung sowjetischer Juden während der deutschen Besatzungszeit sammelte (ihr „Schwarzbuch“, 1980 in Jerusalem erschienen, ist ebenfalls nicht ins Deutsche übersetzt). 1948 verbot Stalin die Tätigkeit des „Jüdischen antifaschistischen Komitees“ und ließ die Druckplatten des „Schwarzbuches“ vernichten.

Zu diesem Zeitpunkt war Sutzkever bereits nach Palästina emigriert. Später hat er Neuauflagen oder -Übersetzungen seines Buches „Über das Ghetto von Wilna“ nicht mehr gestattet: Er habe es damals aus dem Gedächtnis geschrieben, ohne genaue Unterlagen.

Aber schon 1948 gründete Sutzkever in Tel-Aviv Di goldene kejt, eine Zeitschrift in jiddischer Sprache „für Literatur und gesellschaftliche Probleme“. In der „Goldenen Kette“ erschienen ab 1953 in loser Folge vierzehn Kurzgeschichten von Sutzkever über die Erlebnisse in Wilna. 1955 stellte er sie für eine Buchausgabe zusammen und schrieb, noch eine letzte Erzählung, „Honig einer wilden Biene“, hinzu. Dank der Initiative des Münchner Germanisten und Jiddisch-Dozenten Jost Blum sind sie jetzt erstmals in einer zweisprachigen Ausgabe auch auf Deutsch zu lesen.