In dem Buch „Krieg ohne Schlacht“, einem langen Interview über sein Leben, berichtet der Dramatiker Heiner Müller von einer Psychoanalytikerin: „Sie hat ‚Philoktet‘ gelesen und eine Liste der Perversionen aufgestellt, die der Text sublimiert. Das ging bis zur Koprophagie.“ Koprophagie ist, wie der Duden weiß, „das Essen von Kot als Triebanomalie bei Schizophrenen u. Schwachsinnigen“.

Ein Dichter, sagt Heiner Müller, steht jenseits aller Moral: „Kunst hat und braucht eine blutige Wurzel. Das Einverständnis mit dem Terror gehört zur Beschreibung.“ Es folgt die Beschreibung der DDR: „Es war ein Waffenstillstand, ein mafiotisches Agreement zwischen Partei und Bevölkerung.“ Das Schreiben war anderswo, „Urlaub von der DDR“.

Dichtend ist der Dichter unantastbar. Müller, als Bearbeiter Hölderlins: „Denn süß ist wohnen / Wo der Gedanke wohnt, entfernt von allem.“ Wer ist in solcher Süße Erich Honecker, der Pate? Ein Zwerg mit Strohhut. Wer Heiner Müller, der Dichter? Ein Gigant. Ein Marmorblock, tiefgefroren. Das Leben, die DDR? Material, Rohstoff für eiserne, eisige Dramentexte.

Der Künstler als asoziales, amoralisches Monster – was für ein Drama! Der Künstler in den Fängen der Stasi – auch das wäre ein Stück Literatur. „Verkommenes Ufer Stasimaterial Landschaft mit Spitzeln“ könnte es heißen. Heiner Müller hat es nicht geschrieben. Er hat, in „Krieg ohne Schlacht“, überhaupt nichts über die Stasi geschrieben.

Jetzt hat die Stasi ihn eingeholt: Ein enttäuschter, unveröffentlichter Dichter, dessen Ausweisung aus der DDR Müller einst nicht verhindern konnte, faxt im Triumph an alle Redaktionen, was er „mit sechs Monaten Arbeit und viel Geld“ erfahren hat: einen IM-Decknamen („Heiner“), die Adresse einer konspirativen Wohnung, eine Registriernummer (die die Gauck-Behörde bestätigt: XV 3470/78). „Belegbares Material wurde in Aussicht gestellt“. Die Quelle: ein anonymer Anruf. Der Absender: ein sichtlich überreizter Mensch.

Ist der Dichter ein Schwein? Ist Heiner Müller ein Sascha Anderson im Großformat? Müller ist in die StolpeKantAndersonmaschine geraten. Und es sieht nicht so aus, als käme er unten unbeschädigt wieder heraus. Denn was er letzten Sonntag „Spiegel-TV“ – spät, aber doch – über seine Stasi-Kontakte erzählt hat, klingt nicht wie die souveränen Worte eines erklärtermaßen amoralischen Monsterdichters, der jede Spitzeltätigkeit mit einem Schulterzucken abtun könnte wie de Sade eine besonders delikate Ausschweifung – es klingt so kleinlich wie die Rechtfertigungen anderer Stasi-Verdächtiger auch. Müller druckst, versteigt sich und bellt – und schrumpft in rasender Geschwindigkeit vom Monsterdichter zum Mickermonster. „Ich war und bin ein Stück DDR-Geschichte“, sagt Müller, „und ich glaube schon, es geht um die Auslöschung von DDR-Geschichte, und da ist das ein guter Schritt, so eine Denunziation.“ So sprechen Steine, wenn sie bröckeln.

„Ich wollte etwas erreichen“, verteidigte Sascha Anderson seine Gespräche mit der Stasi, als man ihm noch ein Wort glaubte (siehe ZEIT vom 1.11.1991), „ich wollte etwas ändern.“ – „Ich habe versucht, zu beraten und Einfluß zu nehmen“, erklärt sich heute Heiner Müller. Die Stasi beraten? Ein wirrer Traum, ein Stolpe-Traum. Um Literatur sei es gegangen: „Die brauchten gebildete Leute, die ihnen sagen, was steht in diesem Text.“ Der Nationalpreisträger als Deutschlehrer des Geheimdienstes – ein groteskes Bild.

„Im Bauch der Farce“, sagt Müller, „lauern die Tragödien.“ Er, der Theatermensch, hat die Farce seiner Dialoge mit der Stasi nicht erkannt und aufgeschrieben. Jetzt ist er bloß noch eine Figur im öden, ewig novembertrüben deutschen Enthüllungsspiel; das ist die Tragödie. Ob er seine Koprophagie sublimiert oder Kot frißt, ob er ein Spitzel war? Auch Akten können lügen. Was Heiner Müller uns schuldet, ist Kunst (also wahre Wahrheit): sein mafiotisches Stasi-Drama, in Blankversen. Robin Detje