Bayerische Landfrauen sammeln Unterschriften für ein gesetzliches Verbot von Sex und Gewalt.

„Der Spiegel“ in seiner Titelgeschichte dieser Woche: „Ein Volk im Schweinestall“

Heim nach Sachsen

Lothar-Günther Buchheim: Drei Wörter, ein Wütender. Nichts, was dieser Mann, der am 6. Februar 75 Jahre alt wird, in seinem Leben gemacht hat, war durchschnittlich. Alles war und ist maßlos: Der Instinkt des Sammlers, der in der Nachkriegszeit als einer der ersten die Kunst der deutschen Expressionisten und der „Brücke“-Künstler kaufte, mit denen er an der Dresdner Akademie studiert hatte; das Selbstbewußtsein des Malers, der keiner geworden war; der Furor des Autors, der nicht nur den autobiographischen Thriller „Das Boot“ geschrieben hat, sondern auch Bücher zur Kunst und schrille Polemiken zu allem Möglichen; der Eskapismus des Machtverliebten, der seit Jahrzehnten seine Sammlung mal hier, mal dort als wunderbaren Lockvogel für Museumsdirektoren und Kulturdezernenten vorführte und sich in dem Moment unter Rauch- und Donnererscheinungen wieder davonmachte, wenn es ernst werden sollte. Nun aber scheint es eine letzte Möglichkeit für Buchheim zu geben, seinen Ruf zu ruinieren durch eine sinnvolle Tat: Die Stadt Chemnitz, in der er aufgewachsen ist, will ihm ein Haus anbieten, das von einem Architekten seiner Wahl gebaut werden soll und in dem nicht nur die Bilder und Graphiken von Buchheim und den anderen, sondern auch die Karussellpferde und paperweights, die sniffbottles und Nippesfiguren des manischen Sammlers ausgestellt werden können. Wir wünschen uns, den Sachsen und Lothar-Günther Buchheim, daß er nun endlich seinen Platz finden möge in der heimischen Ahnengalerie zwischen, sagen wir mal, Fürst Pückler und Hedwig Courths-Mahler.

Doppelwirtschaft

Wer Bitterfeld verseuchte, vernichtet auch Bücher. Die Beweise sprachen, so schien es, für sich: Tonnen von Büchern wurden wie verdorbene Rüben in sächsischer Erde untergepflügt oder gammelten unter freiem Himmel ihrem Ende in den Schreddern der Sekundärrohstoffverwertung SERO entgegen. Schnell waren die Urteile zur Hand. Unbequeme Zeugen einer hohen Buch- und Lesekultur würden dem Deutschmark-Imperialismus geopfert, wetterten die Idealisten. Marktwirtschaftler wollten in der Buchvernichtung nichts als völlig normale Anpassungsvorgänge erkennen. Nun tut sich ein dritter Weg auf, ein wahres Märchen für Bücherfreunde. Ein Buch und seine Geschichte: 1989 stellte die (Ost-)Berliner Autorin Elfriede Brüning einen Band mit Gesprächsprotokollen und Portraits zusammen, in dem – sensationell für die damals noch existierende DDR – deutsche Sozialisten und Kommunisten Auskunft gaben über ihre Verfolgung durch Stalin und Berija, über zehn oder zwanzig Leidensjahre im Gulag. „Lästige Zeugen“, so der Titel, ist ein Dokument qualvoller Verfolgung, aber auch der Selbsttäuschung und des peinlichen, erzwungenen Schweigens derer, die ein Leben lang Antifaschisten und Opfer des Hitler-Stalin-Pakts waren. Das Buch erschien Frühjahr 1990 in einer Hoffnungsauflage von 15 000 Stück im Mitteldeutschen Verlag Halle. Bis heute wurden aber nur 3000 Exemplare abgesetzt. Weder im Osten noch im Westen hat diese Art sozialistischer Selbstvergewisserung Konjunktur. Als die Lagerkosten für die schwer verkäufliche Ware wuchsen, entschloß sich der Verlag im Sommer 1992,9000 Exemplare zu makulieren. Aufgebracht mobilisierte die Autorin die Presse. Schlagzeilen wie „Enthüllungsbuch landet im Reißwolf – Es geht um Stalinopfer – Ich kämpfe weiter“ erregten die Gemüter östlich der Elbe. Vergebens wies der als Buchvernichter gebrandmarkte Verleger auf den Restbestand von 3000 Büchern hin, der weiter verkäuflich sei, ohne Abnehmer immer noch ein wirtschaftliches Risiko. Nun können alle aufatmen: Auch die vom Sekundärrohstofftod bedrohten Bücher wurden, so die letzte Meldung, gerettet. Pfarrer Weskott aus Katlenburg bei Göttingen, der seit Sommer 1991 rund 50 000 Bücher aus der ehemaligen DDR bei sich aufgenommen hat, hat auch 9000 „Lästigen Zeugen“ Asyl gewährt, mit Zustimmung des Verlegers. Eine salomonische Rettung durch Doppelwirtschaft: Im Buchhandel ist das Buch für 9,80 DM, beim Pfarrer nach dem Sonntagsgottesdienst gegen eine Spende an Brot für die Welt zu haben.