Von Christoph Drösser

Jeden Morgen bringt der Briefträger mir unfreiwillige Bilderrätsel ins Haus. Eine Hochschule hat zu vermelden, daß Professor Hinterhuber einen Ruf nach Clausthal-Zellerfeld erhalten hat – und tut das in der Aufmachung eines Boulevard-Blattes. Ein Freund gibt seine Vermählung bekannt – und die Einladung sieht aus wie eine Todesanzeige. Die Gewerkschaft verschickt ihre Mitgliederzeitung – sie gleicht einem vierfarbig gedruckten Zeitgeist-Magazin.

Jedermann kann heute am heimischen Computer Drucksachen produzieren, und immer mehr Menschen machen Gebrauch davon. Die grotesken Fehlgriffe in den elektronischen Setzkasten sind nur eine Facette der technischen Umwälzung, die im Druck- und Schriftgewerbe stattgefunden hat. Eine Umwälzung mit historischen Dimensionen: „Die Erfindung von Steven Jobs ist nur mit der von Johannes Gutenberg zu vergleichen“, meint Stefan Rögener, Herausgeber des Typographie-Fachblattes Hamburger Satzspiegel.

Steven Jobs hatte zusammen mit Stephen Wozniak im Jahr 1984 den Apple-Macintosh-Computer auf den Markt gebracht. Dabei ging es den beiden Computerbastlern bei ihrer Erfindung gar nicht um Typographie, sondern zunächst um einen bedienerfreundlichen Personalcomputer. Über die Veränderungen, die diese kleinen Kisten im Büroalltag ausgelöst haben, ist viel geschrieben und geforscht worden – die Revolutionierung der Schriftbranche geschah dagegen mehr im verborgenen.

Vor acht Jahren war die Typographie noch eine Art Geheimwissenschaft. Wer einen gedruckten Text haben wollte, mußte ihn „in Satz geben“. Die Arbeitsteilung in der Branche war im Prinzip noch so organisiert wie zu Gutenbergs Zeiten, auch wenn die Setzer inzwischen mit elektronischen Maschinen arbeiteten. Der Umgang mit Schrift erforderte Fachwissen und war dem Laien nicht zugänglich. Photosetzmaschinen kosteten Millionen, und die Hersteller dieser Maschinen entwickelten und verkauften auch die zugehörigen Schriften für teures Geld.

Heute ist die Schrift demokratisiert. Fast jeder PC-Besitzer bekommt heute mit seinem Gerät eine Reihe Schriften geliefert, Tausende weitere sind auf dem Markt erhältlich. Per Desktop Publishing (DTP) kann jeder Drucksachen mit professionellem Aussehen herstellen. Mit entsprechender Software kann der Hobby-Typograph sogar seine eigene Schrift entwerfen – jeder sein eigener Gutenberg. Sowohl die Schriftentwickler als auch die Schriftsetzer müssen zusehen, wie ihr Markt zusammenbricht. Die Gralshüter der typographischen Qualität sehen ihre Felle davonschwimmen. Stefan Rögener: „Es darf ja auch keiner ohne Führerschein Auto fahren – mit dieser Technik dagegen kann jeder herumspielen, wie er will.

Mit dem Macintosh allein ließen sich noch keine professionellen Druckwerke produzieren. Zwar verfügte er über die damals revolutionäre „WYSIWYG“-Technik (What You See Is What You Get), erstmals sah also der Benutzer schon auf dem Bildschirm, wie sein Brief oder Artikel später aussehen würde. Aber aus den frühen Nadeldruckern kam eben auch nur das heraus, was auf dem grobauflösenden Bildschirm zu sehen war – die typischen treppenförmigen Buchstaben mit einer Auflösung von 72 Punkten pro Zoll (dpi), die heute nur noch belächelt wird. Um wirklich „wie gedruckt“ drucken zu können, mußte ein Weg gefunden werden, einen am Bildschirm geschriebenen Text auch auf einem 300-dpi-Laserdrucker oder gar einem professionellen Satzbelichter mit über 2500 Punkten pro Zoll auszugeben. Die Lösung hieß Postscript und kam von der Firma Adobe – eine sogenannte „Seitenbeschreibungssprache“, die unabhängig vom Computer ist und unabhängig vom Ausgabe-Medium. Eine Universalsprache, deren Marktmacht sich inzwischen fast alle Schriftenhersteller unterworfen haben.