Hat er nun betrogen oder nicht? Die Frage, was dem amerikanischen Aids-Forscher Robert Gallo vorzuwerfen sei, beschäftigt seit acht Jahren die Öffentlichkeit – aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Das jüngste Verdikt stammt von einer offiziellen Instanz zur Überwachung der „Integrität in der Forschung“ (Office of Research Integrity ORI). Sie spricht Gallo der Irreführung schuldig.

Damit kehrt ORI einen vor etwa neun Monaten ergangenen Quasifreispruch um in sein Gegenteil. Das Kuriose ist, daß keine neuen Fakten hinzugekommen sind. Nur die Gutachter und ein Buchstabe im Kürzel der überwachenden Institution haben sich geändert: Früher hieß sie OSI (Office of Scientific Integrity). OSI sollte die „Integrität in der Wissenschaft“ wahren, segnete aber nach einigen Querelen das Zeitliche.

Inzwischen spielt der ursprüngliche Vorwurf, Gallo und seine Forschungsgruppe hätten dem Franzosen Luc Montagnier das frisch entdeckte Aids-Virus gestohlen, keine Rolle mehr. Denn es läßt sich nicht eindeutig klären, ob die französischen Viren absichtlich oder durch Schludrigkeit in die US-Retorten gelangt waren. Und im Zweifel ist dem Angeklagten zu glauben.

Unbestritten ist, daß den US-Forschern mit den fremden Viren ein sehr wichtiger Schritt gelungen war, nämlich die Aids-Erreger erstmals zu züchten. Gallo behauptet nun, die Herkunft der Mikroben sei hierfür unerheblich. Nach den ersten Zuchterfolgen hätten sie mit amerikanischen Viren weiter gearbeitet. Die ORI-Gutachter werfen ihm allerdings vor, in seiner wissenschaftlichen Veröffentlichung habe er dann geschrieben, die französischen Viren seien „noch nicht züchtbar“. Genau dies sei eine klare Irreführung.

Gallo will mit seinen Anwälten gegen den neuen ORI-Spruch vorgehen, Formal kann ervielleicht den Spieß wieder umkehren. Dennoch bleibt sein Schweigen darüber, daß er mit den von Luc Montagnier zugesandten Viren gearbeitet hat, unanständig. HST