Und natürlich kennt "Todd" Schott auch Hugo Lacour, den ungekrönten Gangsterkönig des Saarlandes. Vierfach vorbestraft, verbüßt der heute in Metz eine Haftstrafe und wird in Deutschland wegen Mordverdachts gesucht. Würde Schott den Gangster Lacour nicht kennen, gäbe das im kleinen Saarland eher Anlaß zu Fragen. Denn die Lacours sind eine bekannte Ringerfamilie vom Kraftsportverein Adler Burbach, und Hugos Bruder war einmal Vizeweltmeister. Und so gingen die Lacours in den sechziger Jahren in Totila Schotts "Zigeunerkeller" ein und aus, es war schließlich die einzige Jugend- und Rockkneipe der Stadt.

Offenbar stimmt nicht einmal die Behauptung, Schott sei der Anführer einer gefürchteten Rockerbande gewesen. Er selber erzählt die Geschichte so (und sie wird in Saarbrücken vielfach bestätigt): Ende der siebziger Jahre habe er das "Café zum Kieselhumes" geführt, Lafontaine sei Gast gewesen, Reinhard Klimmt, der heutige Fraktionsvorsitzende der Landtags-SPD sei Gast gewesen, Mitglieder des Motorradclubs "Lucy Gang" seien Gäste gewesen. Klimmt und er, beide Rockfans, beide einst langhaarig, beide sozial engagiert, hätten bemerkt, daß die Jungs von der Gang nach rechts abdrifteten, und deshalb beschlossen, sich um die Gruppe zu kümmern. Klimmt, der SPD-Mann, und Schott, damals in der FDP, halfen, Motorradtreffs gegen Widerstände in der Stadtverwaltung zu organisieren.

Einmal soll "Wutzi" Klimmt auch eine Wahlparty für die Rocker spendiert haben, Freibier für jeden, der einen Wahlschein abgegeben hat, denn "wählen", sagt Schott, "ist doch schon mal ’ne demokratische Handlung". Schließlich seien Klimmt und er zu Ehrenmitgliedern des Motorradclubs ernannt worden, neben dem Gitarristen der namengebenden Rockgruppe "Lucy Gang" und dem Leadsänger der Zweibrücker Gruppe "De Benki".

Totila Schott benutzte, wenn Strafgefangene sich an ihn als Vorsitzenden des Hilfsvereins wandten, auch gern den kurzen Draht zu Reinhard Klimmt. Der bemühte sich zu helfen, leitete Gnadengesuche und Petitionen weiter, dutzendfach. Auch Gangsterkönig Lacour hat sich an Klimmt gewandt. Den Kontakt hatte, Ende der siebziger Jahre, der CDU-Landtagsabgeordnete Gerd Meyer hergestellt, ein Mann mit viel Liebe zum Burbacher Ringerverein. Klimmt sagt nun, er habe Lacour "sechs- oder siebenmal in einer seiner Lieblingskneipen wiedergesehen, zufällig".

Die Kneipe heißt "Goethe-Stube" und ist der Prototyp der deutschen Eckkneipe. Alles da, lange Theke, Eichenfurnier, Papiergirlanden, Trinksprüche an der Wand. Hier gilt bis heute das allgemeine Wirtshaus-Du; hier reden und trinken die alten Herren des 1. FC Saarbrücken miteinander, und deshalb ist auch Reinhard Klimmt öfter da. Auch Klaus Töpfer, der Bundesumweltminister und ein stadtbekannter Skat-Zocker, ist gelegentlich dagewesen und eben auch Hugo Lacour. Wobei unbekannt ist, ob auch Töpfer den Gangsterkönig kennt und, würde er ihn kennen, duzt, was in diesem kleinen Saarbrücker Biotop eher wahrscheinlich wäre.

Hugo Lacour hat aus der Haft in Metz deutsche Behörden mit Petitionen und Gnadengesuchen regelrecht bombardiert: das Bundespräsidialamt, die saarländischen Gerichte und Ministerien, Landtagsabgeordnete, eben auch Reinhard Klimmt, den Mann, den er in der "Goethe-Stube" gesehen hatte und den er auch einmal, samt Ehefrau, in seinen eigenen Schmuddelschuppen "La Cascade" mitgenommen hatte. Klimmt hat Lacour 1989 dreimal geantwortet und einen Brief so eingeleitet: "Sehr geehrter Herr Lacour, lieber Hugo", eine Anrede, die nun als Beweis für die Vertraulichkeit zwischen SPD-Spitze und Unterwelt dient. Wäre Saarbrücken nicht so klein und wären seit Montag nicht derart tiefe Einblicke in die örtliche Kneipenszene möglich geworden, müßte man über Klimmts Erklärung schmunzeln, statt sie ernst zu nehmen: Er habe erst "Sehr geehrter Herr Lacour" hingeschrieben, sich dann aber überlegt: "Wie red’ ich denn so einen an, den hab’ ich ja schon immer geduzt", und flugs habe das "lieber Hugo" dagestanden. Eine Ungeschicklichkeit, eine politische Dummheit, gewiß. Aber was sonst noch?

In der Sache konnte Hugo Lacour aus dem Kneipen-Du mit Klimmt keinen Vorteil ziehen. Er hat dem Häftling nicht mehr mitgeteilt, als dieser berechtigt war, auch über seinen Anwalt beim Justizministerium zu erfahren. Strafvereitlung oder Verrat von Dienstgeheimnissen, wie dies zunächst insinuiert worden ist, liegen nicht vor. So sieht es der Trierer Strafrechtler Professor Heiner Kühne, und die Saarbrücker Staatsanwaltschaft hat auch kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bild hat gleich am Montag bildmäßig zugespitzt und die Saarbrücker Szene- und Kneipensottise "Bordell-Affäre" genannt, anderntags aber zwei Worte dazugesetzt: "Na und?" Kommen nicht noch neue Fakten hinter dem Tresen hervor, hat das Publikum mehr über Bigotterie und Pharisäertum im Hamburger Magazin-Journalismus erfahren als über die Unterweltkontakte saarländischer Spitzenpolitiker.