Von Martin Warnke

In jeder größeren Bibliothek der Welt ‚ in jedem Museum, in jeder anspruchsvolleren Kunsthandlung steht seit etwa 45 Jahren ein unentbehrliches Monument gelehrten Fleißes und gelehrter Zusammenarbeit: der "Thieme-Becker", jene 37 Bände, in denen etwa 150 000 Künstler aller Zeiten und Völker verzeichnet und bio- und bibliographisch erschlossen, in denen die Werke dieser Künstler von Kennern charakterisiert und aufgelistet sind.

Zwei Laien, Felix Becker und Ulrich Thieme, hatten sich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Leipzig darangemacht, einen zuvor schon in verschiedenen Ländern verfolgten ehrgeizigen Plan endlich wahr zu machen und einem florierenden Kunsthandel, einer aufblühenden Kunstforschung in Museen und Hochschulen eine solide Grundlage in Form eines Künstlerlexikons zu geben. Sie sammelten emsig Notizen aus Zeitschriften, Katalogen, Archiven, älteren Lexika, Kunstschriften und Chroniken, ordneten sie Namen zu, deren Träger vielfach jetzt erst eine persönliche Kontur bekamen. 1907 erschien der erste Band dieses seither als "Thieme-Becker" bekannten, zeitweise um zwei Bände jährlich anwachsenden Großunternehmens, das mit einer Redaktion von etwa sechs Mitarbeitern ein Autorennetz von über 400 Gelehrten aus aller Welt mit Material zu versorgen, für Artikel zu gewinnen wußte.

Unüberschaubar viel unveröffentlichtes Material ist hier zusammengetragen; der große holländische Archivar A. Bredius hat sein gesamtes Archivmaterial dem Lexikon vermacht, wie denn überhaupt die Holländer durch eifrigste und eifersuchtslose Mitarbeit dafür gesorgt haben, daß die Artikel zu niederländischen Künstlern neben denen zu italienischen die gründlichsten sind. Durch Berücksichtigung auch der Antike, Asiens und des islamischen Bereiches wurde das Lexikon für viele Regionen eine Art Pionierunternehmen. Ursprünglich hatte man mit zwanzig Bänden gerechnet, die man in etwa acht Jahren vorlegen wollte, nachdem private und öffentliche Geldgeber das Engagement des Seemann Verlages unterstützten. Doch schon der Erste Weltkrieg brachte nach Band 10 eine Stockung. Das internationale Korrespondentennetz brach zusammen. Immerhin aber konnte dann Ulrich Thieme 1921 im Vorwort zum Band 14 mitteilen: "Nur auf ganz wenigen Gebieten sieht man heute schon wieder die Menschheit an einem großen gemeinsamen Ziel arbeiten wie in unserem Werke."

Man straffte die Artikel, deren Umfang für die berühmtesten Künstler auf fünfzehn Seiten beschränkt war, weil man über dieselben sich am ehesten auch anderwärts informieren könne. Wilhelm Bode, Adolph Goldschmidt, Max J. Friedlaender oder Aby Warburg gehören zu den Autoren der zum Teil noch immer gültigen Biographien, die man im Laufe der Jahre in "wesentlich gedrängtere Fassungen", in kleinere Schriftsätze zu bringen suchte, um den Umfang nicht noch weit über die schließlich erreichten 37 Bände gelingen zu lassen. Nach 1933 wurden die Artikel immer sachlicher, positivistischer. Hier standen neben klassischen Artikeln wie demjenigen über Tizian aus der Feder von Theodor Hetzer viele signierte Artikel emigrierter jüdischer Gelehrter, so Otto Fischeis gründlicher Beitrag über Raffael, Gustav Glücks großer Artikel über Rubens oder Otto Beneschs substantieller Essay über Rembrandt, Karl Tolnays erster Entwurf zu einem neuen Michelangelo-Bild. Eine "Bräunung" ist nicht erkennbar.

Eine nicht kleine Gruppe jüngerer Kunsthistoriker, darunter Theodor Müller, L. H. Heydenreich, Norbert Lieb, Ulrich Middeldorf, Harald Keller oder Hantz Wentzel hat hier in den dreißiger und vierziger Jahren ihre positivistische Schulung erhalten, mit der sie dann das Fach bis weit in die fünfziger Jahre hinein auf strikte Sachforschung festlegen wird. Aber auch der junge Will Grohmann hat damals durch regelmäßige Beiträge zur internationalen Avantgarde die Grundlage für seine spätere kunstkritische Kompetenz gelegt. Hans Vollmer, der seit 1922 alleiniger Herausgeber war, hat, als das Lexikon 1950 unter DDR-Verhältnissen zum Abschluß gebracht war, drei Jahre später in rascher Folge noch weitere sechs Bände mit den Künstlerbiographien aus dem 20. Jahrhundert nachgeliefert, ein Werk, das als "Vollmer" seine zu selten ausgeschöpften Dienste für Kunstfragen der ersten Jahrhunderthälfte tut.

Diesem säkularen Großunternehmen wird nun gegen Ende dieses Jahrhunderts eine doppelte Bestätigung und Anerkennung zuteil. Der Deutsche Taschenbuchverlag hat eine Taschenbuchausgabe gewagt, ein rühmliches Unterfangen, das auf den Buchregalen nicht allzu sehr lasten wird, weil es in Dünndruckpapier nur die Hälfte des ursprünglichen Platzes beansprucht und auch, weil es (leider) auf die Vorworte verzichtet, die etwas von den Geburtswehen des Werkes und etwas von seiner Geschichtlichkeit erkennen ließen.