Von Michael Berger

Mit der Rhätischen sind wir von Chur heraufgekommen. Die Schmalspurbahn beförderte uns in zweistündiger Fahrt 1300 Höhenmeter in engen Mäandern bergan. Scheinbar unüberwindbare Klammen überwand der schmächtige Zug, drang zu entlegensten Ortschaften vor und stieß schließlich unter dem Albulapaß hindurch ins eingeschneite Oberengadin.

Die Bündner Alpen ließen uns nur widerwillig passieren; nun gilt es, dem aufdringlichen St. Moritz zu entkommen, dem Höhenluftkurort, der in der Hochsaison mit Abgaswerten aufwarten kann, die spielend Züricher Stoßzeitniveau erreichen.

Im Postauto lassen wir diesen Alptraum hinter uns. Der Bus schaukelt durch das von Dreitausendern begrenzte Hochtal, an langgestreckten, planen Schneeflächen vorbei, unter denen zugefrorene Seen zu erahnen sind. Über Silvaplana und Sils Maria erreichen wir Maloja, einen Flecken, wo der internationale Tourismus versiegt. Nur von der Paßstraße her brummt es unablässig, verkündet, daß dort Verbindung mit dem wenige Autostunden entfernten Mailand gehalten wird.

Auch an den Rändern Malojas wuchern die Waschbetonchalets mit ihren Jodelbaikonen. Der Bebauung werden aber natürliche Grenzen gesetzt: Nach Südwesten fällt das Tal zum Bergeil und zum Comer See ab, nach Süden zwängt sich eine schmale Schlucht zum Fornogletscher hinauf. Am Austritt des Wildbaches, im Schatten des PizAela und eine Viertelstunde Fußmarsch vom Ort entfernt, kauert ein 300 Jahre altes Bauernhaus aus unverwüstlichem Granit.

Wer hier Zuflucht sucht, findet stets offene Türen. Bäuerliches Leben hat vor über zwanzig Jahren einer vielsprachigen Gesellschaft Platz gemacht, die von den Einheimischen immer noch argwöhnisch beäugt wird. Denn die Bewohner auf Zeit verhalten sich nicht wie die vom Fremdenverkehrsverein umworbenen Sporttouristen, die willig Franken in der Region säen, um Urlaubsbequemlichkeit zu ernten. Vielmehr spielt sich im Bildungs- und Ferienzentrum Salecina, so der Name des Hauses, laszives Kommunetreiben ab – zumindest in den Augen der Dorfbewohner. Zum beachtlichen Wirtschaftsfaktor ist Salecina für die Gemeinde Maloja seither dennoch geworden, was die Ortsansässigen versöhnlicher stimmt. Salecina will ein Ort des sanften, naturverträglichen Tourismus sein. Dieser Anspruch immerhin ist aus den Anfangszeiten übriggeblieben, auch wenn das Gros der Gäste nicht auf die bequeme Anfahrt mit dem eigenen Wagen verzichten möchte.

Am Anfang stand eine fixe Idee, die im krausen Haupt des Altsozialisten Theo Pinkus saß. Der Züricher Buchhändler, 1909 geboren und eine Institution auch für die neue studentische Linke, wähnte die Zeit reif, an eine Tradition anzuknüpfen, die er in den dreißiger Jahren, als führender Kopf der Schweizer Naturfreundebewegung, begründet hatte: Ein geräumiges Haus in den Alpen sollte Ort für preiswerte Arbeiterferien und politische Schulung zugleich sein. Pinkus dachte internationalistisch, deshalb suchten er und seine ebenfalls zum sozialistischen Establishment der Eidgenossenschaft gehörende Frau Amalie Pinkus-De Sassi einen Platz dort, wo nahe der schweizerischitalienischen Grenze die deutsche, rätoromanische und italienische Kultur aufeinanderstoßen – in der Nähe des 200-Seelen-Dorfes Maloja.