Von Nina Grunenberg

Heinz Riesenhuber muß seinem Nachfolger dankbar sein. Erst im Vergleich mit Matthias Wissmann wurde er so groß, wie er sich selber sieht. Die Lorbeerkränze, die ihm nach zehnjähriger Amtszeit als Minister für Forschung und Technologie in der vergangenen Woche gewunden wurden, galten einem der letzten Fachminister mit Sachkompetenz. Die intellektuellen Fähigkeiten des gelernten Chemikers bezweifelte niemand.

Den Vorteil der Sachkunde hat Matthias Wissmann nicht. Weder sein Studium (er ist Jurist) noch seine parlamentarische Arbeit (er war wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) weisen auf eine besondere Eignung für das Amt des Forschungsministers hin. Seine Wahl verdankt er vor allem dem Regionalproporz. Seit Wolfgang Schäuble Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU ist, hat Baden-Württemberg – das letzte Bundesland im Westen, in dem die Konservativen noch mitregieren – keinen Bundesminister mehr. Als einer von vier Bezirksvorsitzenden im Südwesten hielt Wissmann sich für anspruchsberechtigt. Mit seinen 44 Jahren ist er dreizehn Jahre jünger als Heinz Riesenhuber. Auch das wurde zu seinen Gunsten ins Feld geführt.

Manche Fachleute glauben, daß ein Forschungsminister wenigstens eine gewisse kulturelle Nähe zur Wissenschaft haben sollte. Aus dieser Perspektive erschließt sich der Sinn des Ministerwechsels nur schwer. Aber wer das Gerede verfolgt hat, in das die Grundlagenforschung seit etwa zwei Jahren gekommen ist, der kann hinter der Ernennung eines Wirtschaftspolitikers zum Sachwalter der Forschung auch andere Absichten vermuten. Schon länger drängt eine Koalition aus Wirtschaftlern, anwendungsorientiert arbeitenden Wissenschaftlern und Parlamentariern aus dem Arbeitsbereich Forschung und Technologie in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion darauf, nach japanischem Vorbild eine Art Miti zu schaffen, eine Planungs- und Strukturbehörde, in der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gemeinsame Strategien zur Zukunftssicherung entwickeln. Die Wirtschaft, getrieben von der Sorge, im weltweiten Wettbewerb Punkte zu verlieren, fordert von der Wissenschaft, wirtschaftsnäher zu forschen und den Weg vom "Erkennbaren" zum "Machbaren" zu beschleunigen.

Die Diskussion über den "Standort Deutschland" ist noch wirr und von panischen Untertönen nicht frei. Um sie vorwärtszutreiben, hat die Bundestagsfraktion der CDU/CSU für den 11. Februar ein Hearing über den "Forschungs- und Technologiestandort Deutschland" angesetzt. In einem Thesenpapier, das als Grundlage für das Gespräch dienen soll, werden die Universitäten als Träger der Grundlagenforschung bezeichnenderweise gar nicht mehr genannt, sie kommen nur noch als Bildungseinrichtungen vor. Dabei finden nach wie vor etwa achtzig Prozent der Grundlagenforschung an den Hochschulen statt (nur zehn Prozent in den Instituten der Max-Planck-Gesellschaft).

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die universitäre Forschung fördert, und die Hochschulrektorenkonferenz sind von der CDU/CSU nicht geladen. Christian Lenzer, der Vorsitzende des Bundesfachausschusses Forschung und Technologie der CDU, wirft ihnen "die Insellage der Grundlagenforschung" vor; sie gelte es aufzubrechen. Wolfgang Frühwald, der Präsident der DFG, ließ sich nicht lumpen und hielt dagegen, "daß in einem Kulturstaat wie der Bundesrepublik auch über die Antike geforscht werden darf, ohne daß uns der Vorwurf gemacht wird, das sei überflüssig ausgegebenes Geld".

Die Grundlagenforschung, in Deutschland traditionell als Garant der technologischen Entwicklung und der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft angesehen, ist in die Defensive geraten. Die Industrieferne, die sie braucht, wird jetzt als Marktferne kritisiert. Das Forschungsklima hat sich verschlechtert; das sinkende Ansehen der Hochschulen hat dazu beigetragen. Nicht einmal die Nobelpreise, die gemeinhin als Indikator für den Stand der Forschung eines Landes gelten, haben diese Entwicklung aufhalten können. Die CDU nahm sie als ihr Verdienst in Anspruch und ging zur Tagesordnung über. Auf ihr steht zur Zeit die simple Frage: Bekommt die Grundlagenforschung zuviel Geld? Hat die Industrieforschung zuwenig? Kann die Wirtschaft einen Teil der von ihr getragenen Forschungslast auf den Staat abwälzen?