Natürlich war sie nicht von dieser Welt. Schon ihre Entdeckung war Schicksal, nicht Verdienst. Als Audrey Hepburn 1951 gerade eine kleine Rolle für Jean Boyers "Musik in Monte Carlo" drehte, kam eine ältere Dame im Rollstuhl hinzu und entschied: Da sei ja ihre "Gigi". Die ältere Dame war Colette – auf der Suche nach der Idealbesetzung für die Broadwayaufführung ihrer berühmten Komödie.

Eine Kindfrau, die einen berüchtigten Schwerenöter in die Schranken weist, bis ihm Hören und Sehen vergeht und er nicht mehr sicher ist, ob er noch will, was ihn immer versuchte und trieb – das war ein Märchen, auf das nur weitere Märchen folgen konnten. In der Sommerpause des Theaters flog Audrey nach Rom, drehte ihren ersten Hollywoodfilm – William Wylers "Ein Herz und eine Krone" – und erhielt dafür prompt einen Oscar.

Fragilität gepaart mit Distinguiertheit, Güte mit Intelligenz, Spontaneität mit Durchsetzungskraft: das sind die Energiefelder, die im Kino all ihre Frauen so wundersam glitzern ließen. Ihre schlanke, fast knabenhafte Gestalt wirkte dabei als modisches Signal: als dezentes Gegengewicht gegen das Dralle der "typischen Frau" der fünfziger Jahre. Der Designer an ihrer Seite: Givenchy. Billy Wilder brachte ihre mythische Ausstrahlung auf einen schnellen Begriff: "Diese Frau schafft es noch, den Busen aus der Mode zu bringen."

Audrey Hepburn, das war eine Mischung aus aristokratischer Noblesse (ihrer Prinzessin Anne in "Ein Herz und eine Krone"), aus jugendlichromantischer Energie (in Billy Wilders "Sabrina" und "Liebe am Nachmittag"), aus wunderlicher Naivität (ihre Natascha in King Vidors "Krieg und Frieden") und asexueller Flatterhaftigkeit (ihre Holly Golightly in Blake Edwards "Frühstück bei Tiffany"). Die Tragödien, die sie dann wagte, ließen den Zauber dieser frühen Rollen nachklingen, ob sie nun bei Fred Zinnemann die "Geschichte einer Nonne" erzählte, bei John Huston eine Indianerin war ("Denen man nicht vergibt") oder bei Wyler eine Lehrerin spielte, die von einer intriganten Schülerin beschuldigt wird, lesbisch zu sein ("Infam"). Sie durchschritt alles Dunkle, in das sie gedrängt wurde, mit der Aura einer heiligen Unschuld. Sie war, wie Michael Althen treffend bemerkte, die "zweite Frau in der Menschheitsgeschichte, der man auch eine unbefleckte Empfängnis abgenommen hätte".

Geboren wurde die Tochter einer holländischen Baronin und eines irischen Bankiers am 2. Mai 1929 in Brüssel als Edda Kathleen van Heemstra Hepburn-Ruston. Sie ging in England zur Schule, verbrachte ihre Ferien aber in Holland und Belgien. Nach dem Krieg nahm sie Ballettunterricht, unter anderem bei Sonia Gaskell in Amsterdam und Marie Rambert in London, wo sie schnell feststellen mußte, daß ihre Begabung zur Ballerina nicht reichte. So ging sie 1948 als "drittes Chor-Mädchen von links" zum Theater. "Es war genau das, was ich brauchte. Ich trat in einem Musical auf – zwölfmal die Woche. Und Musik brauchte ich zu diesem Zeitpunkt wirklich dringend. Dann stand ich in der Garderobe mit den anderen Mädchen, und das hat mich auf den Boden zurückgeholt."

Im Kino dann war und blieb Audrey Hepburn: funny face, der "süße Fratz" im Paradies. Mit Witz und Willenskraft schwebte sie durch ihre Geschichten, so gefährlich, so tragisch sie auch sein mochten. Selbst in Momenten höchster Bedrohung, etwa in Terence Youngs "Warte, bis es dunkel ist" oder in Wylers "Wie klaut man eine Million?", war man stets sicher, daß ihr nichts Schlimmes passieren würde. Mal flattert sie wie ein Falter über alle Klippen hinweg, mal windet sie wie eine Märchenfee sich durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch. Dinge zu tun an einem schönen Tag, die sie niemals zuvor getan hat, das paßte zu ihr (in "Frühstück bei Tiffany"): Champagner trinken schon vor dem Frühstück, den Broadway hinaufflanieren, in der Stadtbücherei ein Buch entleihen, bei Tiffany einen Blechring gravieren lassen, in einem Krämerladen Hundemasken stehlen. Sie lasse sich von keinem einsperren, erklärt sie einmal voller Trotz. Sie sei wie ihr Kater: Sie gehöre zu niemandem, und niemand gehöre zu ihr. Daß dies nicht stimmt und wir Zuschauer sehen können, wie sehr es nicht stimmt, verstärkt das Abenteuerliche ihrer Erscheinung – und unserer Gefühle für sie.

1964 verwandelte George Cukor sie von der Straßengöre zur "Fair Lady", zur vornehmen Dame. Doch da hat Pygmalion nicht endlich seine steinerne Galatea zum Leben erweckt, da hat, ganz im Gegenteil, die Gassengöre Leben in die versteinerte Bude gebracht. Cinderella erobert den Olymp – und alle Märchenprinzen liegen ihr zu Füßen, auch die unserer Kinderherzen.

Am Mittwoch letzter Woche ist Audrey Hepburn in Lausanne einem schweren Krebsleiden erlegen. Norbert Grob