Heinz-Werner Meyer hatte das Thema DGB-Reform nicht einmal auf die Tagesordnung gesetzt. Und obwohl mehrere Gewerkschaftsvorsitzende den Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf das Versäumnis hingewiesen hatten, war der DGB-Chef bei der Klausurtagung des Bundesvorstands in Bad Breisig auf ein einleitendes Statement zur Reform seines Dachverbands nicht vorbereitet.

Die Diskussion fand dennoch statt, "hart und hitzig", berichten Teilnehmer der Runde, zu der neben der DGB-Spitze die Chefs der sechzehn Einzelgewerkschaften gehören. Heftige Schelte mußten sich vor allem der Vorsitzende der IG Bau-Steine-Erden, Bruno Köbele, und sein Kollege Lorenz Schwegler von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) anhören. Erbost hielt IG-Metall-Chef Franz Steinkühler ihnen unsolidarisches Verhalten vor, einen der schlimmsten Vorwürfe, der einem Arbeitnehmerfunktionär gemacht werden kann.

Beide hatten im Vorfeld der Klausurtagung ihre Vorstellungen für eine Reform in aller Öffentlichkeit kundgetan. "Ihr tut so", zitieren Kollegen den mächtigen Metaller, "als wärt ihr die Modernisierer und wir anderen die Betonfraktion." Die wichtigsten Vorschläge der Erneuerer, zu denen auch die IG Chemie gehört:

  • Verkleinerung des geschäftsführenden DGB-Vorstands von derzeit acht auf fünf Mitglieder.
  • Schlagkräftigere Einzelgewerkschaften durch Fusion. Aus derzeit sechzehn Organisationen sollten am Ende sechs bis zehn Multibranchengewerkschaften werden.
  • Straffung des DGB-Apparats auf Landes- und Kreisebene.
  • Neue Aufgabenbeschreibung des Dachverbands, um Doppelarbeit zu vermeiden.

Die Gelegenheit für einen ersten Schritt zur Straffung der DGB-Führungsspitze, meinten die Drängier, böte sich mit dem Ausscheiden des DGB-Vorstandsmitglieds Lothar Zimmermann, der sein Amt aus Altersgründen im März niederlegen will. Der Platz solle nicht wieder besetzt werden – eine Provokation für die IG Metall, deren Mitglied Zimmermann ist. Nach seinem Ausscheiden wäre sie nur noch mit einem hauptamtlichen Spitzenmann im DGB vertreten. In der Sache würde sich freilich gar nichts ändern. Denn daß ohne die Zustimmung der größten Einzelgewerkschaft im Dachverband nichts läuft, ist ohnehin sicher. Vor allem seit Heinz-Werner Meyer 1990 die Führungsposition in Düsseldorf übernommen hat, ist die Ohnmacht des Bundes immer offensichtlicher geworden – ob es um Verhandlungen beim Kanzler oder interne Absprachen um das DGB-Motto zum 1. Mai geht.

Nach heftigen Debatten gab Steinkühler denn auch nach. Er mußte einsehen, wenn die IG Metall auf dem Sitz bestanden hätte, wäre ihr vorgeworfen worden, sie sei nicht fähig zu sparen. Dem DGB-Bundeskongreß im Frühjahr nächsten Jahres soll überdies vorgeschlagen werden, den geschäftsführenden Vorstand auf fünf Mitglieder zu verkleinern.

Spätestens bis dahin könnte ein weiterer Posten frei werden. Seit Wochen halten sich Gerüchte, daß der stellvertretende DGB-Chef Ulf Fink vorzeitig aus dem Amt scheiden oder sich 1994 nicht mehr zur Wiederwahl, stellen werde. Fink, der neben seinem DGB-Job auch noch den Vorsitz der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) in der CDU und den Vorsitz im CDU-Landesverband Brandenburg innehat, gerät wegen mangelnder Präsenz im DGB immer stärker unter Beschuß. Zudem sorgt seine Ämterfülle auch in der CDA für zunehmenden Unmut. Ulf Fink könnte deshalb schon vor dem nächsten CDA-Kongreß im Juni gezwungen sein, Prioritäten zu setzen und so den Beschluß für ein lean management beim DGB erleichtern.