Selbst dem Nachwuchs an öffentlichen Schulen wird gelegentlich die "Schöpfungswissenschaft" nahegebracht. Das von zwei Biologen verfaßte Schulbuch mit dem Titel "Entstehung und Geschichte der Lebewesen" (Auflage: 20 000), in dem Evolutionstheorie und Schöpfungslehre als gleichrangige naturwissenschaftliche Modelle behandelt werden, wurde zwar offiziell nicht für den Biologieunterricht zugelassen (Schulbücher bedürfen in Deutschland der staatlichen Zulassung, die von den Kultusministerien vergeben wird). Das hindert überzeugte Lehrer aber nicht, es als Begleitmaterial im Biologieunterricht zur Diskussion zu stellen. Im Herbst zeichnete ein "Kuratorium deutscher Schulbuchpreis" den Verleger des Buches gar "für seinen Mut aus, ein vom allgemeinen Trend abweichendes Biologiebuch für die gymnasiale Oberstufe zu verlegen". Kreationistisch gerüstet, können sich Schüler überdies per Augenschein von der Wahrheit biblischer Naturkunde überzeugen: im Sintflut-Museum, der "Erdgeschichtlichen Sammlung" des Dr. Joachim Scheven, in Hagen-Hohenlimburg.

Der Fachbiologe oder -geologe mag die dort präsentierten, kreationistischen Exponate als unwissenschaftlich belächeln. Korrekter wäre jedoch die Bezeichnung "nicht mehr zeitgemäß". Viele der heute von Kreationisten vertretenen Theorien gehen nämlich auf prominente Vorläufer zurück. Im 18. und 19. Jahrhundert zweifelten nicht selten auch Naturwissenschaftler zunächst an der Evolutionstheorie und später an den von Darwin vorgeschlagenen Mechanismen der Artbildung. Um jedoch auch heute noch halbwegs stimmige und zugleich bibeltreue Theorien zu entwerfen, sehen sich Kreationisten oft gezwungen, neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren oder für falsch zu halten.

Beispiel Arche Noah: Weil Kreationisten die Sintflutgeschichte als Naturwissenschaft verstehen, haben sie zu erklären, wie sämtliche Landtiere (auch die Süßwasserfische?) Platz in der Arche Noah finden konnten, einschließlich aller heute ausgestorbenen Lebewesen. Als des Rätsels Lösung schlagen deutsche Kreationisten eine Brücke zur Evolution: Aus den getrennt erschaffenen Grundtypen hätten sich durch Veränderungen in kleinem Maßstab (Mikroevolution) die Arten entwickelt. Die Studie "Paßten alle Tiere in die Arche Noah?", in der sich die Studiengemeinschaft Wort und Wissen dem Problem mit Akribie näherte, sorgte allerdings eher für Heiterkeitserfolge: Wie die, über den Daumen gepeilt, 8500 Grundtypen (Landwirbeltiere einschließlich Amphibien) überhaupt auf die Arche kamen und dort überlebten, blieb ein großes Geheimnis. Auch die Herkunft der fossilen Ablagerungen (so befinden sich fossile Säugetiere immer in geologisch jüngeren Schichten als fossile Dinosaurier), die sich gemäß kreationistischer Lehre erst nach der Sintflut in einem Zeitraum von nur tausend Jahren gebildet haben sollen, blieb im dunkeln. Mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert, hoffen Kreationisten, inzwischen wissenschaftstheoretisch geschult, auf weitere Forschungen – kommt Zeit, kommt Rat.

Hansjörg Hemminger beobachtet die Entwicklung kreationistischer Gedanken im Auftrag der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart. Er erkennt in dem Versuch, den Wert wissenschaftlichen Wissens nicht allein an seiner Erklärungskraft, sondern zugleich am inhaltlichen Zeugnis der Bibel zu messen, ein Paradox: "Der Kreationismus argumentiert in der Regel naturwissenschaftlich, solange die Karten (scheinbar) günstig liegen, und zieht sich auf seinen Biblizismus zurück, wenn es wissenschaftlich eng wird. Der Kreationismus will Wissenschaft sein und doch nicht sein."

Vermutlich liegt hier ein Grund, warum die Konfrontation des Kreationismus mit seinen Selbstwidersprüchen wenig zu seinem Verschwinden beiträgt. Hinter den pseudowissenschaftlichen Argumenten wird der eigentliche Motor sichtbar, der die selbstbewußte Minderheit antreibt: ihr Widerspruch zur Moderne. Die Evolutionstheorie, als Produkt menschlichen Aufbegehrens gegen Gott gedeutet, wird zum Teufelswerk, weil sie der Sündenfallgeschichte die Grundlage entziehe, so daß der Mensch seine Rolle als Hauptschurke des Weltgeschehens verliert. Erst vor dem Hintergrund dieses wörtlichen Verständnisses der Bibel wird deutlich, warum sich Kreationisten genötigt fühlen, jede wissenschaftliche Kontroverse, zum Beispiel über das Alter der Erde, zum Streit um den Glauben schlechthin zu stilisieren.

Unnötigerweise. Im reformatorischen Schriftverständnis etwa geht es nicht in erster Linie um den Wortsinn der Bibel, sondern um das, "was Christen treibet" (Luther). Nach Ansicht von Jürgen Hübner, der sich an der Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg seit langem um den Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft bemüht, handelt es sich bei den biblischen Texten um Geschichten, die davon erzählen, wie Menschen zum Glauben gekommen sind. So gelesen, seien sie "Anweisungen, persönliche Gotteserfahrungen zu machen". Fundamentalistische Schriftgläubige würden nach seiner Auffassung nicht bemerken, daß sie sich einer Methode bedienen, die den in der Bibel beschriebenen Urgemeinden völlig fremd gewesen sein müsse. Ihre "mechanistische" Sichtweise, in der die Welt zum Kreuzworträtsel und Gott zu dessen Schöpfer degradiert wird, ist letztlich Produkt derselben Moderne, die sie attackieren.

Der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz hat den Konflikt zwischen Religion und Naturwissenschaften als einen erbitterten "Kampf um das Wirkliche" beschrieben: "Ursprünglich repräsentierten die heiligen Symbole für jene, denen sie heilig waren, ein Bild von der Struktur der Welt und ein Programm für das menschliche Verhalten, die einander völlig entsprachen." Doch seit sich die Wissenschaften ausbreiten, ist "den Menschen das Festhalten an fast allen religiösen Anschauungen erschwert und an sehr vielen praktisch unmöglich gemacht". Geertz interpretiert die Schriftgläubigkeit, die er am Beispiel des Islam untersucht hat, nicht als Rückgriff auf alte Formen der Religiosität oder gar einen willentlichen Rückfall ins Gestrige, sondern als einen durchweg modernen Versuch, religiöse Wirklichkeitserfahrungen in den geschriebenen Ursprüngen wiederzufinden. In erstaunlicher Parallele zur Entstehungsgeschichte des protestantischen Fundamentalismus erscheint die islamische Schriftgläubigkeit als der Versuch, sich just in dem Moment des Glaubens zu versichern, wo dieser sich nicht mehr von selbst versteht. Eine Strategie, mit der diese "Ideologisierung der Religion" einhergehe, ist Geertz zufolge die Suche nach Beweisen, daß die Schriften den Geist und die Entdeckungen der modernen Wissenschaft antizipieren und völlig mit ihnen übereinstimmen. So gesehen ist der Kreationismus nur die protestantische Variante eines weltweiten Phänomens.

Naturwissenschaftler mögen geneigt sein, Kreationisten lächerlich zu machen und sie den Theologen zu überantworten. Nicht übersehen werden sollte aber, daß sie aktive und oftmals wissenschaftlich tätige Mitglieder unserer Gesellschaft sind, die für eine religiös fundierte Kultur werben. Wir könnten womöglich Zuschauer eines Experimentes sein, "bei dem einzelne Instrumente der Modernität (Wissenschaft und Technologie) von der kulturellen Moderne getrennt werden sollen" (Bassam Tibi). Die Wissenschaftskultur jedenfalls scheint diese Entkoppelung nicht verhindern zu können, weil der Wille zum Sinn, wie er sich im Kreationismus ausdrückt, mit Wissen allein nicht zu befriedigen ist.