Von Wilfried Buck

Die Weihnachtslieder sind längst verklungen und in der Supermarkt-Hintergrundberieselung der kaufanregenden „Happy Music“ gewichen, im Radio werden die ersten Karnevalslieder aufgelegt. Doch es gibt eine unbekannt große Anzahl vorwiegend älterer Mitmenschen, für die geht Weihnachten zumindest akustisch nie zu Ende. Von morgens bis abends klingen ihnen weihnachtliche Weisen so beharrlich in den Ohren, als würden sie in unmittelbarer Nähe live gespielt.

Dabei handelt es sich nicht um kurzlebige Ohrwürmer, Liedfetzen oder Schlagermelodien, die uns nach einem realen Höreindruck nicht aus dem Sinn gehen wollen. Vielmehr leiden diese geplagten Menschen an Musikhalluzinationen. Sie hören gleichförmig wiederkehrende Lieder oder Melodiebruchstücke, als wären sie von einer wirklichen Musikquelle, vom Radio, von der Schallplatte oder einem Orchester, hervorgebracht.

Halluzinationen sind Trugwahrnehmungen, die von jedem unserer Sinne (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken) ausgehen können. Wenn die subjektive Wahrnehmung von keinem wirklichen, für andere nachvollziehbaren Sinneseindruck ausgelöst wird, spricht der Fachmann von Pseudo-Halluzinationen, um sie von den akustischen und optischen Halluzinationen bei Suchtkranken im Delirium zu unterscheiden. Denn in unserem Falle merkt der Betroffene selbst, daß die Quelle der Musik allein in ihm steckt. Gelegentlich kann er sich sogar damit anfreunden und mitsingen.

An der Neurologischen Klinik der Universität Lübeck wurden unlängst knapp dreißig in der Weltliteratur beschriebene Fälle von Musikhalluzinationen eindrucksvoll verglichen mit einer Anzahl eigener Patienten. Letztere wurden sorgfältig neurologisch und psychiatrisch untersucht und zeigten keine auffälligen Symptome, etwa wahnhafte Ideen oder Hirnleistungsschwäche.

Alle Patienten litten aber in unterschiedlich ausgeprägter Form an langjährigen Ohrerkrankungen, die die Hörfähigkeit minderten, bevor die Musik in Form von Weihnachts-, Volks-, Marschliedern, Gospels oder Schlagern plötzlich in einem oder beiden Ohren einsetzte. Dabei handelte es sich stets um gut bekannte Melodien wie „O du fröhliche“ oder „Lustig ist das Zigeunerleben“ mit auffällig gemütvollem Inhalt, an den die Hörer angenehme Erinnerungen knüpften. In zwei Fällen begann die Musik passend zur Jahreszeit im Dezember mit Weihnachtsliedern und im Februar mit Karnevalsschlagern. Aus der Musikgeschichte ist ein prominenter Fall übermittelt. Der schwerhörig gewordene Komponist Friedrich Smetana soll in einem seiner Streichquartette musikhalluzinierte Vogelstimmen verarbeitet haben.

Da organische Ohrerkrankungen oft erst im fortgeschrittenen Alter auftreten, handelt es sich bei der Musikhalluzinose überwiegend um ein geriatrisches Problem, das Menschen jenseits des sechsten Lebensjahrzehnts betrifft, meistens Frauen. Die Anzahl der Betroffenen nimmt durch die demographische Verschiebung ständig zu, und schon jetzt muß man mit einer erheblichen Dunkelziffer rechnen, da die Patienten aus Angst, für „irre“ gehalten zu werden, ihr Leiden nicht eingestehen wollen.

Die Ursache dieser Form von akustischen Sinnestäuschungen ist unbekannt. Es werden verschiedene Möglichkeiten von medikamentöser Einwirkung durch Salizylate (Aspirin) bis zur Epilepsie-Entstehung vermutet. Die letzte These wird bekräftigt durch Ergebnisse neuerer Untersuchungen wie der Positronen-Emissionstomographie (PET), die allerdings noch im Forschungsstadium ist. Mit der PET-Methode lassen sich krankhafte Vorgänge im Hirn (zum Beispiel gesteigerter Zuckerstoffwechsel) in ihrer Dynamik abbilden und daraus Rückschlüsse auf psychopathologische Symptome ziehen. Aus der Technischen Hochschule Aachen wurde jüngst der Fall eines akustisch halluzinierenden Patienten beschrieben, bei dem im PET-Bild Teile der Schläfenlappen beider Hirnhälften, inklusive des primären Hörzentrums, auffällig gestört waren, so wie es bei bestimmten Epilepsieformen in gleicher Weise nachweisbar ist.

In vielen Bereichen der Neurologie verfeinert sich zunehmend die Theorie und Diagnostik lange bekannter Störungen (erste Beschreibungen von Musikhalluzinationen stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg) durch Einsatz subtilerer – natürlich auch deutlich teuerer – Untersuchungstechniken. Leider hinken die therapeutischen Erfolge den faszinierenden bildgebenden Verfahren und daraus abgeleiteten Gedankengebäuden hinterher. Weder Antikrampfmittel der Epilepsietherapeuten noch Neuroleptika aus der Psychosebehandlung akustischer Halluzinationen haben bisher überzeugende Ergebnisse gebracht.

Ein schwacher Trost ist allerdings der Umstand, daß die Musikhalluzination oft spontan nachläßt und verschwindet und der Patient in aller Regel mit sich ausgesöhnt wird, wenn ihm der Spezialist bestätigt, daß er wirklich nicht „verrückt“ ist.