ARD, 20. und 24. Januar: "Das tödliche Auge"

Eine tote Geisel, ein korrupter Politiker, ein verkrachter Anwalt, eine eiskalte Rächerin könnten sehr wohl einen dramatischen Reigen anführen. Vor allem wenn sich herausstellt, daß der korrupte Politiker am Tod der Geisel schuld ist, der verkrachte Anwalt nachts als Spanner wirkt und die eiskalte Rächerin von Susanne Lothar gespielt wird. Aber das "Tödliche Auge" von Fred Breinersdorfer (Regie: Detlev Rönfeldt) vermochte es nicht, die Motivfülle zu ordnen und Krimispannung, Liebesgeschichte sowie Psychodrama in ein plausibles Verhältnis zu setzen.

Solange man noch nicht wußte, warum die eiskalte Rächerin ihr blutiges Handwerk trieb, war man immerhin von der Krimispannung gefangen – die Auflösung aber kam dank des neugierigen Spanners nur allzu bald. Blieb die Liebesgeschichte: Aus dem Anwalt und der Eiskalten möchte, so hoffte man, wenn nicht ein Paar, so doch eine Konstellation werden, die dramatische Wucht entwickelt. Es reichte aber nur zum Psychokrams: Muttersöhnchen trifft Mänade, und sie reißt seine, er ihre seelischen Wunden zu neuer Blutung. Auf der Schlußstrecke setzte uns die Krimispannung noch einmal zu: Wird der verkrachte Anwalt den korrupten Politiker austricksen? Fast schien es so – da kam die Rächerin mit purpurrot gelackten Lippen und ’ner Handgranate, und der Film endete im Inferno: Es brannten zwei Millionen Mark und die drei Hauptfiguren lichterloh.

Wie bloß kommen Schauerballaden nach Art des "Tödlichen Auges" zustande – Fernsehstücke ohne Sinn, Halt, Maß, Bogen und Handschrift? Kriegt da ein Autor den Auftrag, aus den zunächst disparaten Momenten: Korruption, Voyeurismus und Rachedurst eine Geschichte zu schmieden, deren Schweißnähte möglichst deutlich sichtbar bleiben sollen? Oder wendet sich umgekehrt der Autor mit der Idee: "Erfolgloser Jurist klärt zufällig Terroranschlag auf und verliebt sich in Täterin" an den Sender und erhält dann Auflagen wie: Es muß aber ein korrupter Politiker vorkommen... Oder: Das Mädchen darf, da heute nur noch knallharte schwarze Engel gefragt sind, im ganzen Drehbuch kein einziges Mal lachen – am besten, sie ist eine Wahnsinnige ... Oder: Der erfolglose Jurist muß obendrein pervers sein, zum Beispiel nachts mit schwarzer Maske und Videokamera auf Dächern rumturnen und per Teleobjektiv die Nachbarschaft beim Geschlechtsverkehr beobachten... Und der arme Autor sagt zu allem ja und tut, wie ihm geheißen?

Wie auch immer: Eine Geschichte, wie das "Tödliche Auge" vollgestopft mit spektakulären Items, vom Mutterkomplex bis zum Terrorismus, von der Impotenz bis zur Millionenerpressung, vom Höschenfetischismus bis zur Grundstücksspekulation, muß scheitern. Natürlich gibt es all dieses Zeug im wirklichen Leben. Aber es steht da in einem Zusammenhang, den herauszuspüren und nachzuzeichnen Aufgabe der Kunst wäre. Wer – als TV-Autor – mit den spektakulären Items anfängt und den Zusammenhang hinterher hineinkonstruiert, setzt sich dem Verdacht aus, nur noch Spielmarken im Plot-Puzzle zu verschieben, anstatt zwischendurch mal wirklich bei der Wirklichkeit vorbeizuschauen.

Barbara Sichtermann