Lassen wir mal außen vor, was es weiland mit der väterlichen Bitte des Bundespräsidenten beim damaligen DDR-Repräsentanten Wolfgang Vogel auf sich hatte, es möchten sich auch im anderen deutschen Staat Gesprächspartner für Beatrice von Weizsäcker bei ihren Recherchen über die Städtepartnerschaften im geteilten Land finden. Einen Blick lohnt auch die – übrigens schon 1990 – in Buchform gebrachte Dissertation der Präsidententochter über die „Verschwisterung im Bruderland“.

Da zeigt sich, daß die Doktorandin das Schicksal aller ehemaligen westlichen DDR-Forscher teilt: Auch sie mußte sich im wesentlichen auf indirekte Quellen stützen. Nachforschungen an Ort und Stelle blieben immer die große Ausnahme.

Über weite Strecken handelt die juristische Dissertation nur von rechtlichen Aspekten der Städtepartnerschaften. Freilich waren diese Aspekte im Westen lange Zeit auch ein Vehikel des politischen Streits nach dem Motto: Dürfen die denn das, die Kommunen? Zu den Zeiten der Hallsteindoktrin, die freundschaftliche Kontakte dritter Staaten zur DDR mit Bonner Liebesentzug bedrohte, brachen westdeutsche Gemeinden sogar Partnerschaften zu französischen Kommunen ab, weil die sich mit DDR-Städten eingelassen hatten.

Auch später nährte sich die juristische Auseinandersetzung von den politischen Absichten, die immer dahinterstanden. Mindestens bis zum deutsch-deutschen Grundlagenvertrag von 1972 waren Städtepartnerschaften für die SED ein Mittel ihrer Außenpolitik, danach ihres zwischen Annäherung und Abgrenzung schwankenden Dialogkurses. Die Nachzeichnung dieses Aufs und Abs samt dem Tauziehen um Kontakte nicht nur zwischen den kommunalen Würdenträgern, sondern eben auch zwischen den Bürgern hier und dort ist der spannendste Teil des Buches. Übrigens zeigten sich die DDR-Gemeinden oft selbständiger, als es die Mär vom absolut monolithischen SED-Staat weismachte. Und am Ende wäre die Verschwisterung nur noch brachial zu stoppen gewesen: Beim Fall der Mauer gab es 64 abgeschlossene oder bevorstehende Partnerschaften und, im Westen, Hunderte von Nachfragen.

Daß hier ein Kapitel des verwickelten, schwierigen, oft dramatischen deutschdeutschen Verhältnisses dokumentiert worden ist – das sollte man wohl auch mal festhalten.

Carl-Christian Kaiser