In die verfahrene Diskussion um die Abtreibungspille RU 486 kommt sowohl von politischer als auch medizinischer Seite neue Bewegung. So hat der neue amerikanische Präsident Bill Clinton den Gesundheitsminister angewiesen, das von der US-Arzneimittelbehörde FDA ausgesprochene Importverbot gegen die französische Pille zu überprüfen. In den Vereinigten Staaten dürfen normalerweise ausländische Medikamente, die von der FDA noch keine offizielle Zulassung haben, für den persönlichen Gebrauch importiert werden – gegen die Abtreibungspille gab es jedoch eine Verfügung. Diese Entscheidung der FDA habe „auf anderen Faktoren beruht als einer Abschätzung der möglichen Gesundheits- und Sicherheitsrisiken“, schrieb Clinton an das Gesundheitsministerium und forderte es auf, Maßnahmen zu prüfen für beschleunigte Tests, Zulassung und Herstellung von RU 486 oder verwandten Substanzen.

Der gerüffelten US-Arzneimittelbehörde dürfte es sehr schwer fallen, das Mifepriston (so lautet der Handelsname des unter anderem in Frankreich, England und China eingeführten Hormonpräparates) mit medizinischen Argumenten von der Praxis fernzuhalten. Denn der Wirkstoff, den der französische Hormonforscher Etienne Beaulieu entdeckt hat, ist nicht nur ein sicheres Medikament zur Unterbrechung einer frühen Schwangerschaft. Er hilft auch bei bestimmten hormonabhängigen gynäkologischen Erkrankungen. Ferner läßt sich mit dem Präparat auch eine Schwangerschaft verhindern. So haben kürzlich britische Wissenschaftler nachgewiesen, daß Mifepriston sich gut als „Pille danach“ eignet. Dessen Wirkstoff sorgt zuverlässig und ohne große Nebenwirkungen dafür, daß sich eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter gar nicht erst einnisten kann. Frauen bleibt die Einnahme einer üblichen „Pille danach“ erspart, deren hochdosiertes Gemisch aus den Sexualhormonen Östrogen und Gestagen oft zu Blutungen und Übelkeit führt.

Wolfgang Hilger, der Vorstandsvorsitzende des Pharmariesen Hoechst, ist bekanntermaßen mit der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs nicht einverstanden. Er kommt jetzt durch die politische und medizinische Entwicklung zunehmend in Bedrängnis. Sein französisches Tochterunternehmen Roussel hat RU 486 entwickelt und auf den rasch expandierenden Markt gebracht. Für Deutschland jedoch hat Hoechst noch nicht einmal die Zulassung des Wirkstoffes beantragt. Hilgers Einwand, eine Verwendung in Deutschland komme vorläufig nicht in Betracht, weil das Bundesverfassungsgericht noch über die Klage Bayerns gegen die erneute Reform des Paragraphen 218 zu entscheiden habe, greift nicht. Denn unabhängig davon, ob die Richter mehr die Fristen- oder die Indikationslösung in ihrem Urteil stärken werden – an der Zahl der Aborte wird dies nichts ändern.

Auch die Bedenken Hilgers, die Zulassung von RU 486 werde in den USA einen Boykott der Lebensschützer gegen andere Hoechst-Medikamente auslösen, sind nach der Anordnung von Bill Clinton nicht mehr überzeugend. Dieser Konflikt wird ohnehin kommen. Denn Studien belegen, daß Schwangerschaftsabbrüche mit dem Mifepriston schonender für die Frauen sind, und die Ärzte sind verpflichtet, den risikoärmsten Weg für ihre Eingriffe zu wählen. Diese ethische Verpflichtung gilt nicht nur für Mediziner, sondern auch für die Hersteller von Pharmaka.

In der Vergangenheit war man stets ängstlich bemüht, eine mögliche Anwendung von RU 486 als „Pille danach“ in Abrede zu stellen. Doch genau diese Verwendung wäre für die vielen Frauen das schonendste Verfahren, denn eine Schwangerschaft käme gar nicht erst zustande. Aber wir Deutschen neigen zu erschreckender Perfektion: Eine Schwangerschaft muß zunächst einmal durch Tests eindeutig nachgewiesen sein, bevor sie dann straffrei abgebrochen werden darf.

Hans Harald Bräutigam