Von Georg Blume

Tokio/Frankfurt

Der französische Soziologe Roland Barthes bereiste 1970 Japan. Seiner Zeit war er damals weit voraus: "Heute gibt es zweifellos tausend Dinge vom Osten zu lernen. Eine gewaltige Erkenntnisarbeit ist erforderlich, und daß sie ausbleibt, kann nur das Ergebnis ideologischer Verblendung sein."

Barthes Hoffnung, der Westen möge seine Ignoranz gegenüber Japan ablegen, scheint nun endlich in Erfüllung zu gehen, denn zuweilen bestimmt das Sein das Bewußtsein: Je tiefer Deutschland in die Wirtschaftskrise versinkt, desto unnachgiebiger rücken die Japaner den Germanen auf den Hals. Weder die politischen Skandale noch der momentane konjunkturelle Einbruch in Japan ändern etwas daran, daß der Riese in Fernost – von den Mitteleuropäern fast unbemerkt – zu ihrem wichtigsten Konkurrenten auf den Weltmärkten herangewachsen ist. Die Rezession in Deutschland ist auch auf die Übermacht des Gegners zurückzuführen. Die ersten Opfer sind die Arbeiter der Automobilindustrie: Sie schieben Kurzarbeit oder müssen Entlassungen fürchten. IG-Metall-Chef Franz Steinkühler hat seinen Kollegen kürzlich eine Hiobsbotschaft überbracht: "Im Automobilbau sind wir nicht mehr Nummer eins. Da ist Japan besser."

Noch fällt es den Deutschen schwer, ihre Rückschrittlichkeit zu erkennen. Sie wissen einfach zuwenig von Japan und dem technologischen Standard dort – etwa den Faxgeräten in jedem Hotelzimmer, den modernsten Telephonen, die jeder bedienen kann, und den Badewannen mit computergesteuerter Wassertemperatur.

In Deutschland regiert die alte Auffassung, daß der Arbeitshergang – und sei es nur das Kaffeekochen im Café – wichtiger ist als der vermeintlich unproduktive Dienst am Kunden. "Ich lasse mich nicht hetzen. Ich bin hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht." Dieses Motto hinter der Bar eines Hamburger Restaurants scheint für den Service im ganzen Land zu gelten.

Genau hier aber scheidet sich die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft Japans von der Industriegesellschaft der Bundesrepublik. In Japan gab das größte Unternehmen der Welt, Mitsubishi, längst die Losung aus: "Kniet nieder vor dem Kunden." Das gilt für den Flugzeugbauer wie für den Bankangestellten, für den Chefmanager wie für seine Sekretärin. Eine Million Mitsubishi-Arbeiter erlebten somit den Wandel vom Arbeitsethos zum Dienstleistungsethos.