Von Andreas Kilb

Da riß der Himmel auf: rot. Kein freundliches, trauriges, blutiges Rot, sondern ein kreischendes und beißendes: Neon-Staub. Rot war das Kleid von Ten Garr, als sie hinunterstieg in die Eingeweide der Stadt, in die Farbenschmelze: Grün, Lila, Orange, Tod und Taumel, Gift und Spuk. Oder das Blau, Cocktailblau, auf Nastassja Kinskis Gesicht, auf ihrem blonden Haar. Die Berge waren blau, die Wüste, die Stadt. Alles war möglich in diesem Film.

„One from the Heart“ hieß der Film, „Einer mit Herz“, und er sollte der Beginn eines neuen Kinozeitalters sein. Denn nicht mehr aus klug inszenierten Geschichten, so verkündete sein Regisseur und Produzent, würde das Kino der Zukunft bestehen, sondern aus elektronisch erzeugten Traumbildern, aus Zeichen und Aberzeichen, aus nie geschauten Farben und Tricks. Deshalb ließ er die Stadt, in der der Film spielte, im Studio nachbauen, und die Szenen, aus denen er bestand, zuerst auf Videobändern aufnehmen und erst später auf Filmmaterial übertragen, bis das Dekor und die Darsteller jeden Hauch von Realismus verloren hatten. Die Eheromanze, die dem Film den Vorwand für seinen monströsen Aufwand gab, ging im Bilderrausch unter, die Gesichter erstarrten zu Masken, die Körper zu Posen eines eisigen Balletts. Der Film war ein Vampir: Er sog seinen Figuren alle Lebendigkeit aus und spie sie als farbige Schatten auf die Leinwand zurück.

Dort aber blieben sie nicht lange. Das Meisterstück wurde zum Fiasko. „Einer mit Herz“ kostete den Regisseur Francis Ford Coppola sein Studio, sein Vermögen und seinen Ruf. Die amerikanische Filmindustrie, die er mit dem „Paten“ wiederbelebt und mit „Apocalypse Now“ überrumpelt hatte, verzieh ihm den Ausflug in die Unabhängigkeit nicht. Während Steven Spielberg und George Lucas, seine einstigen Weggefährten, mit immer größeren Budgets die Kassenerfolge der achtziger Jahre drehten, mußte sich Coppola mit kleineren Produktionen, kleineren Stars und Geschichten zufriedengeben. Das neue Zeitalter war längst angebrochen, doch sein Prophet nahm nicht daran teil.

Manche Tragödien aber wiederholen sich, und beim zweiten Mal kommen sie als Farce. Coppolas Farce heißt „Bram Stoker’s Dracula“. Schon der Titel zeigt an, daß diesmal auf Sicherheit gespielt wird: keine wilden Erfindungen, keine gewagten Phantasien, sondern alles hübsch ordentlich nach dem Original. Nicht Coppolas „Dracula“, sondern der aus Stokers Buch. Wenn Kino-Epikern die Luft ausgeht, werden sie nostalgisch und bibliophil.

Nach zehn kargen und bitteren Jahren, die zuletzt in der filmischen Notschlachtung des „Paten“-Mythos gipfelten, hat Coppola mit „Dracula“ endgültig seinen Frieden mit den Bürokraten Hollywoods gemacht. „Einer mit Herz“ war ein mißglückter Putsch, „Dracula“ ist die weihwassertriefende Gegenrevolution: traditionsbewußtes Großkino mit allem Drum und Dran, mit Liebe, Horror, Abenteuer, Ballsälen und Verfolgungsritten, Sündenfall und Peitschenknall, Kunst und Stuß in einem Guß. Schon der Prolog, die Kurzlegende vom Türkenkampf und Liebesleid und von der Selbstverfluchung des Transsylvaniers Vlad Dracul, bietet ein Musterbeispiel postmodernen Spätbarocks: Dräuend schiebt sich der osmanische Halbmond über die Karte Osteuropas, ächzend und augenrollend steht der entfesselte Vlad am Leichnam seines Eheweibs; dann schießt eine Blutfontäne aus dem geschändeten Kreuz, der Unhold reckt sein Schwert gen Himmel und leistet den Höllenschwur, und die transsylvanischen Bischöfe zetern im Chor. Von jener jungenhaften Freude am Spiel, die die Materialschlachten von Spielbergs „Indiana Jones“-Trilogie immer gerade noch erträglich machte, ist bei Coppola nichts zu spüren. Hier regiert der pure, stampfende, bildermordende Schwulst.

Coppolas Vampir (Gary Oldman) indessen ist, anders als Murnaus totenköpfiger Nosferatu von 1921 oder die Zähneblecker Bela Lugosi und Christopher Lee aus den dreißiger und sechziger Jahren, ein Mann mit Herz. Die Liebe, nicht die Blutlust treibt ihn nach London, zu dem viktorianischen Porzellanpüppchen Mina (Winona Ryder), in dem seine verflossene Gräfin sich mit vierhundertjähriger Verspätung reinkarniert hat, und als er die Willenlose endlich in seinen Armen hält, zögert er einen schönen, traurigen Moment lang, ihr Blut mit seinem zu vermählen. „Ich liebe dich zu sehr, um dich zu verdammen.“ Allein die Romanze in Moll, die der sympathische Mr. Dracula und die süße Miss Mina durchleben, verhilft dem Film zu jener Handvoll wirklich sehenswerter Augenblicke, in denen der Regisseur zurückzutreten und über sein eigenes Werk zu staunen scheint. Dann wieder leerer Pomp, Kostümgeraschel, Kameratricks und Überblendungen, Windmaschinen, Geigen, Trompeten, Schreie in der Nacht.