Das heftigste Klinkendrücken hatte im Dezember die Neue Kronenzeitung in Wien zu vermelden. Der 53jährige Helmut Flatzelsteiner, ein „Geschäftsmann aus Puchenau bei Linz“, wie die Krone ihn bald vorstellen sollte, traf sich mehrfach mit dem k.u.k. Experten der Redaktion, denn er hatte eine Sensation auszupacken. Einmal holte er sogar einen veritablen Totenschädel aus der Tasche, den Kopf der Baronesse Mary Vetsera.

Mary war das siebzehnjährige Mädchen, das der Kronprinz Rudolf am 30. Januar 1889 im Liebesnest des Jagdschlosses Mayerling bei Wien mit in den Tod nahm – die wohl peinlichste Affäre in der langen Geschichte des Hauses Habsburg. Gründe für Rudolfs Todessehnsucht sind historisch klar; nicht exakt rekonstruierbar ist der Tathergang, was auch an Vertuschung durch Rudolfs Vater, Kaiser Franz Joseph, liegt. Eine Exhumierung und Untersuchung der Toten wurde danach von den Familien verhindert.

Helmut Flatzelsteiner verzichtete auf eine Erlaubnis. Er sei, so berichtet er, nach dem Tod seiner Frau spiritistisch vom Mayerling-Rätsel in den Bann gezogen worden.

Am 8. Juli 1991 spätnachts hebt Flatzelsteiner mit zwei Helfern den verlöteten Sarg von Mary Vetsera aus der Gruft am Friedhof von Heiligenkreuz und schafft ihn in den Keller seines Hauses. Ein Trennschleifer hilft bei der Öffnung, doch der Liebhaber wird enttäuscht: „Ich hatte etwas Schönes erwartet. Aber es war alles naß, dreckig und hat schrecklich gestunken.“ Er reinigt die Knochen, so sagt er, trocknet sie im Garten und läßt über einzelne Teile medizinische Gutachten anfertigen. Denn er will das Werk schlechthin über Mayerling schreiben, des Rätsels endgültige Klärung. Wohl drei Dutzend Bücher sind vor ihm mit diesem Versprechen angetreten, ohne Knochenbefunde allerdings.

Die internationale Mayerling-Fangemeinde (es gibt sogar eine Mary Vetsera Society in New York) bemerkt im Rahmen der Kontrollaufnahmen, die alle paar Wochen vom Grab angefertigt werden, daß Moos in den Steinritzen fehlt. So kursieren seit langem Gerüchte, daß die Leiche weg sei. Die Wahrheit kommt ans Licht, als Helmut Flatzelsteiner merkt, wie schwierig es ist, ein Buch zu schreiben. Er versucht deshalb, seine Geschichte an Fernsehen und Zeitungen zu verkaufen, vergeblich.

Nur die Krone, die vor vier Jahren mit einer Vetsera-Ausgrabungskampagne knapp scheiterte, beißt an. Sie kommt billig an den ersehnten Corpus und gleichzeitig an den beliebten Weihnachtsknüller, der vom 22. bis zum 30. Dezember sämtliche verfügbaren Titelseiten bestreitet. Flatzelsteiner verschleiert mit allerhand Räuberpistolen auch im sechsstündigen Polizeiverhör seine Rolle, bricht aber nach einer Woche im Mediensturm zusammen und gesteht. Formal ist sein Delikt so geringfügig, daß bis heute kein Strafverfahren eingeleitet worden ist. Flatzelsteiners Anwalt diagnostiziert ein „Mayerling-Syndrom“ bei seinem Mandanten, für den die schlimmste Strafe nun zweifellos darin besteht, sich von Fernsehkameras und Neugierigen durch die Schaufenster dabei bedachten zu lassen, wie er Joka-Matratzen verkauft. Dies nämlich ist sein Broterwerb.

Die Wiener Gerichtsmedizin ist derzeit mit den Überresten der Affäre Köberl ausgelastet, eines Zerstückelungsvergehens, das die österreichische Öffentlichkeit im vergangenen Jahr aufwühlte. Von April an soll sich jedoch endlich eine wissenschaftliche Kommission mit Mary Vetsera befassen und mit der Frage, ob sie statt an einem Kopfschuß nicht doch an den Folgen einer Abtreibung gestorben ist. Die Gebeine seien inzwischen vollzählig versammelt und durch die angebliche Reinigung nicht beeinträchtigt, heißt es aus dem Institut, wo auch dunkel prophezeit wird, daß selbst die Exhumierung Rudolfs nicht mehr fern sei, wenn das Feuer der Medien anhalte.