Von Ulrich Schiller

Los Angeles

Sein stärkster Eindruck? Der jüdische Emigrant aus Berlin, der als Vierzehnjähriger dem Schicksal seiner sechs Millionen Glaubensbrüder in letzter Minute entkommen war, zögerte keine Sekunde: Mit all seinen Gefühlen und Gedanken fühle er sich zurückversetzt in dunkle Kindheitstage, als Pimpfe Fanfarentücher schwenkten und auf Landsknechtstrommeln hieben, als Aufmärsche dröhnten und Hitler mit dem bellenden Ton seiner Rede das "Sieg Heil" von Millionen herausforderte.

Die Bilder vom Nürnberger "Reichsparteitag" aus Leni Riefenstahls "Triumph des Willens", die im Rund dieses geschlossenen Raumes auf großen Monitoren flimmern, sie treffen den Museumsbesucher wie Nackenschläge. Der Atmosphärendruck der Nazi-Propaganda legt sich ihm auf den Magen. Auch diesen Besucher mit eigenen, nun wieder lebendigen Erinnerungen bewegen wieder die immer gleichen Fagen: Wie war das möglich? Wer trägt die Schuld für diese Greuel? Wie verhindern wir, daß es sich jemals wiederholen kann?

Ein neues – und neuartiges – Holocaust-Museum ist in Los Angeles eröffnet worden. Es ist kein Museum mit Exponaten, mit greifbaren Erinnerungsstücken vom Leiden und Sterben der europäischen Juden, sondern ein Museum des Fernsehzeitalters, mit Computern, Bildern und Tönen. Dieses Haus des Gedenkens und des Dankes trägt einen Doppelnamen: Beit Hashoah – Museum of Tolerance. Beide Titel gehören nach dem Willen der Gründer zusammen – Haus des Holocaust und Museum der Toleranz. Das klingt wie ein Lehr- und Lernschluß, der sich aus Erfahrung zwingend, zwanghaft ergibt. Denn was der mächtige Bau aus rotem Marmor mit grüner Glasfront direkt neben dem Simon Wiesenthal Center vom Anfang bis zum Ende vor Augen führt, ist Intoleranz – Haß und Intoleranz in ihrer vielfältigen Wirkung bis zum Genozid. Seine Bestimmung allerdings heißt Erziehung. Das Museum begreift den Holocaust nicht als fernes, historisches Ereignis. Es verweist auf die Ursprünge von Völkermord und Rassenhaß – auch in Los Angeles. Die Erfahrung beginnt schon am Eingang: Zwei Türen bieten sich – scheinbar – dem Besucher an, "mit Vorurteilen" und "ohne Vorurteile". Doch eine Tür ist fest verschlossen, das Lehrstück Holocaust kennt keinen Besucher ohne Vorurteil. Und so beginnt der Weg in die Kreise der Hölle, in die Labyrinthe von Gesellschaft und Geschichte. Harmlos zunächst durch eine Flüstergalerie: Wie die Leute munkeln und böse tuscheln von Fremden und Farbigen, wie sie Ablehnung schüren, weil "die anderen" eben anders sind. Die nächsten Schritte führen zur Darstellung des blutigen Aufstands der Schwarzen in Süd-Los Angeles vom Frühjahr 1992 – zuerst Weiß gegen Schwarz, dann Schwarze gegen Weiße, Latinos und Koreaner. Beteiligung wird verlangt, der Besucher soll sich zu Ursachen und Urteilen äußern, auf großen Computer-Schirmen wird seine Analyse bebildert. "Wir durften, wenn wir glaubwürdig sein wollten, an diesen Ereignissen in unserer Stadt nicht vorbeigehen", erklärte Rabbi Cooper vom Simon Wiesenthal Center. Niemand hat ihm widersprochen.

Eine Wandkarte der Vereinigten Staaten ist übersät mit Buchstaben, die für die unterschiedlichsten Haßgruppen stehen. 250 an der Zahl, vom Ku-Klux-Klan bis zu den Skinheads, am zahlreichsten in Kalifornien. Hier auch, in einem Vorort von Los Angeles, ist das Institut für Geschichtsrevision angesiedelt, das die Länder der westlichen Welt mit einschlägiger Literatur von der "Auschwitz-Lüge" versorgt. Auf einem riesigen Bildschirm erfahren alle, die’s nicht wissen, was Rassentrennung in den Südstaaten bedeutete und was der Kampf der Bürgerrechtsbewegung in den USA verändert hat. Was andere Kontinente zum Kapitel "Völkermord" beigetragen haben, das wird dem Besucher in einem Kinosaal vor Augen geführt: die Massenmorde der Türken in Armenien, die Massaker der Roten Khmer am eigenen Volk, das Sterben der Indianer in Südamerika. Die Indianer Nordamerikas kommen unter "Genozid" nicht vor.

Rabbi Marvin Hier ist die treibende Kraft dafür gewesen, neben einem nationalen Holocaust-Museum in Washington (Eröffnung Ende April) und einer weiteren Planung in New York auch auf der Westseite des Kontinents ein Holocaust-Museum zu errichten. Anfang dieser Woche, als er vor den Konkurrenten von der Ostküste sein Museum in Los Angeles eröffnen konnte, mußte er sich erneut fragen lassen: Warum ausgerechnet Los Angeles, so weit entfernt von der Tragödie in Europa – und warum ausgerechnet jetzt, fast fünfzig Jahre nach dem Holocaust? Seine Antwort erklärte zugleich noch einmal das Motiv: Niemand, am allerwenigsten die Juden, habe voraussehen können, daß aus der Nation eines Bach und eines Beethoven eines Tages die KZ-Schergen von Auschwitz hervorgehen würden. Da sich Geschichte also nicht antizipieren lasse, müsse man eine Stätte schaffen, die den Menschen wenigstens erkläre, wie eine hochkultivierte Gesellschaft umschlagen könne zu größter Gewalttätigkeit gegen eine ihrer Minderheiten.

Rabbi Hier, einer der konservativen Führer der jüdischen Organisationen in Amerika, zielt also nicht nur auf den Holocaust als identitätsbestimmende Erfahrung der Juden; der pädagogische Aspekt macht sein Museum jedoch unabhängig von Ort und Zeit – und zugleich sehr aktuell. Denn Los Angeles ist, wie Kalifornien überhaupt, in seiner ethnischen Vielfalt ein "soziales Experiment" ersten Ranges. So formuliert es Gouverneur Pete Wilson. Und ein Spötter fügte hinzu: "Los Angeles ist die erste Dritte-Welt-Stadt in der Ersten Welt!" Da muß sich die Achtung vor "dem anderen" ständig neu beweisen.

Weiter im Museum: Alle zehn Minuten geht die Tür auf. Nach Deutschland. Zurück in die zwanziger Jahre. Musik, Hitler in Landsberg, "Mein Kampf" in der Auslage der Buchhandlung C.L. Krüger, Wahlplakate für Hindenburg, Thälmann und die NSDAP. Ein Berliner Café ("Konditorei und Restaurant") liefert die Kulisse für nachgestellte Gespräche an verschiedenen Tischen: Soll man emigrieren, wenn Hitler an die Macht kommt; es wird schon nicht so schlimm werden; das Volk wird sich wehren; ich mache mit! Dergleichen mehr. Zu simpel? Für einen Augenblick stellen sich Bedenken ein. Doch dies ist ein Museum für Amerikaner, zumal für jene Generation, die von europäischer Vorkriegsgeschichte kaum mehr etwas weiß.

Wie sonst soll ein Museum, das jährlich 250 000 Besucher erwartet, weißen und schwarzen Amerikanern, Latinos und Asiaten die subtilen Gründe für Hitlers Machtergreifung begreiflich machen? Verdruß mit Versailles, Inflation, Wirtschaftskrise, die Schwäche Weimars – nichts wird unterschlagen. "Kristallnacht". Krieg. Die Wannsee-Konferenz, mit übersetzten Texten der Protokolle: Endlösung mit "Zum Wohl, meine Herren!" Wäre ein "Lehr"-Museum über die Fallstricke der deutschen Geschichte nicht auch für Deutschland eine Erwägung wert? Der Berliner Rabbi David Weiss warf die Frage auf.

Es gibt eine Tür zum Entweichen. Aber sie ist unauffällig, kaum zu sehen. Wer das Tor zu Auschwitz passiert hat, muß zwischen zwei Eingängen wählen: "Arbeitsfähige" – "Kinder und andere". Sie münden beide in einem grauen Raum, der an die Gaskammern erinnert. Berichte von Überlebenden mit Bildsequenzen und Photos vollenden den Höllenkreis. Der Holocaust – ein elektronisches Showbusineß? Dieser Vorwurf wurde und wird immer wieder erhoben. Eintritt ist für den Normalverdiener keine Kleinigkeit. Computerknöpfe, Videos, Monitorwände und Bildmontagen – das alles sei "wie Disneyland", sei ein "Hollywood im Beit Hashoah". Rabbi Hier und die Museumsplaner lassen diese Einwände nicht gelten: Wer nicht wolle, daß sich Schweigen und Unkenntnis über den Holocaust legen, sobald die letzten Überlebenden gestorben sind, der müsse mit zeitgemässen Methoden Wissen und Erinnerung lebendig halten.

Der Regisseur Spielberg drehe eben jetzt in Auschwitz – ja in Auschwitz! – einen Film über den Deutschen Oskar Schindler. Schindler soll in seinem Unternehmen bei Krakau tausend Juden beschäftigt und gerettet haben. Wird Auschwitz damit entweiht, entwürdigt? Der Weltkongreß der Juden beantwortete diese Frage sehr pragmatisch: Millionen würden Spielbergs Schindler-Film sehen; Millionen, die nie einen Fuß ins Archiv setzen. Was für einen Film gelte, das müsse nach Meinung von Rabbi Hier auch für ein Holocaust-Museum im High-Tech-Zeitalter gelten.

Das pädagogische, also aktuelle Anliegen des Museums der Toleranz hat – gewollt oder ungewollt – einen weiteren Effekt: Es erscheint überflüssig, dem Besucher am Ende der zweistündigen Tour eine versöhnliche Rückkehr in die Realität zu ermöglichen. Nur das Drama des Holocaust endete 1945. Auch deshalb finden deutsche Bemühungen um Versöhnung und Wiedergutmachung im Hauptteil des Museums gar nicht, im Lehrtrakt nur in Fußnoten statt. Schnell hingegen sehen einige Mitglieder der hochmögenden Sponsorengemeinde in jeder Hakenkreuz-Sudelei auf Grabsteinen in Deutschland einen Vorboten für einen neuen Holocaust. Die Angst vor dem Vierten Reich ist unter den 700 000 Juden von Los Angeles seit der Vereinigung – und erst recht seit den jüngsten Gewalttaten gegen Ausländer – keine Seltenheit mehr.