Von Erika Martens

Sibylle Bandlow, Betriebsrätin der Volkswerft in Stralsund, hält nichts von einem Kompromiß: "Der Tarifsprung muß genommen werden, sonst ist unsere Existenz gefährdet." Ihre Miete stieg am 1. Januar von 240 Mark auf 400 Mark, kalt ohne Bad. Im Nahverkehr erhöhten sich die Tarife von einer Mark auf jetzt 1,50 Mark, und "wenn ich mal nach Lübeck komme, dann seh’ ich doch, daß dort alles viel billiger ist als bei uns". Ein Schweißer oder Schiffbauer in der Lohngruppe VII bekommt derzeit einen Stundenlohn von 10,94 Mark. "Da würde jeder westliche Arbeitnehmer doch nur drüber lachen."

Das ist die eine Seite beim Streit über den Stufenplan für Lohnsteigerungen in der ostdeutschen Metallindustrie. Die andere beschreibt Gregor Schlochtermeyer, Geschäftsführer der Firma Hydraulik Nord in Parchim. Der Manager aus Düsseldorf verringerte die Zahl der Mitarbeiter von 2400 auf derzeit 160. Ein Lohn- und Gehaltssprung um 26 Prozent, der nach dem Tarifvertrag für den 1. April ansteht, würde die Personalkosten um eine auf sechs Millionen Mark hochdrücken. "Das tut doppelt weh, weil wir noch immer zu viele Leute an Bord haben", sagt Schlochtermeyer. Viele Beschäftigte sehen die schwierige wirtschaftliche Lage der Betriebe in Ostdeutschland. "Aber die soziale Situation hier ist so mies, es geht nicht anders", erklärt Jürgen Vangerow, Betriebsratsvorsitzender der Schwermaschinenbau AG in Wildau bei Berlin. Und er warnt: "Zu sehr sollte man die Ossis auch nicht reizen. Schließlich: Versprochen ist versprochen."

Das Versprechen ist der Stufenvertrag von 1991, der eine Anhebung des Einkommensniveaus in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie auf 82 Prozent des Westlohns zum 1. April vorsieht, ein Jahr später sollen hundert Prozent erreicht sein. Die Erfüllung dieses Vertrages würde nach Ansicht der Arbeitgeber den Ruin vieler triebe bedeuten. Deshalb drängten sie auf Revision und wollen nur einen Inflationsausgleich bis neun Prozent bezahlen. Doch davon will die IG Metall nichts wissen. Ihr Vorsitzender Franz Steinkühler will den Beschäftigten nicht das einzige nehmen, "was den Menschen im Osten noch eine verläßliche Perspektive gibt".

Ohne Ergebnis blieben denn auch die Gespräche der Tarifparteien in den ersten Wochen dieses Jahres. Jetzt versuchen Schlichtungsstellen in den fünf ostdeutschen Bezirken, doch noch einen Weg aus dem Dilemma zu finden. Noch einmal kommen dabei alle Argumente auf den Tisch.

Die Unternehmer, unterstützt von Wirtschaftsforschern und Politikern, verweisen auf die immensen Kostenbelastungen, die für viele der 2800 Metallbetriebe mit ihren 400 000 Arbeitsplätzen das Aus bedeuten und noch einmal 70 000 Jobs in der Branche kosten würden. Schon jetzt hätten die ostdeutschen Bruttolöhne 95 Prozent der italienischen und 90 Prozent der französischen Bezüge erreicht. Die Lohnstückkosten lägen noch immer bei 143 Prozent des westdeutschen Niveaus. Die Lohn- und Gehaltssumme der ostdeutschen Metallindustrie betrug 1992 rund zwölf Milliarden Mark, eine Einkommenssteigerung um 26 Prozent würde sie noch einmal um weitere vier Milliarden Mark hochschnellen lassen.

Für die IG Metall sind dagegen nicht die Löhne schuld an der Misere, sondern das Fehlen von Absatzmärkten und die miese Kapitalausstattung. Ein Abrücken von den Vereinbarungen würde die Betriebe nicht retten, für die Arbeitnehmer aber sei eine Streckung sozial unzumutbar. Ein einfacher Facharbeiter verdiene derzeit nur 1762 Mark. Effektiv, so der stellvertretende IG Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel, würden die Metaller im Osten auch nach dem 1. April nur gut die Hälfte des West-Lohnniveaus bekommen. Die Preise aber seien "zwischen 10 und 25 Prozent, die Mieten sogar um 100 bis 500 Prozent gestiegen".