Von Helmut Kuhn

Eigentlich wollte ich meinen besten Anzug tragen. Meine silbernen Manschetten und auch den neuen Mantel. Aber irgendwie kam ich nicht dazu. In der Eile mußten die alte Jacke und mein dunkler Fedora herhalten; der Erlöser würde ein Einsehen haben, wenn er sich in der Gestalt des Rebbe an diesem Sonntag offenbarte. Zum Lokaltermin „Erscheinung des Messias“ konnte ich zumindest nicht barhäuptig gehen.

Eine ganze Flotte von Bussen parkt an der Ecke der Synagoge, am Eastern Parkway 770 im Brooklyner Stadtteil Crown Heights. Die Synagoge ist Weltzentrale des orthodoxen Lubawitscher Komitees. Den Bussen sind Hunderte Gefolgsleute des Rebbe aus Frankreich, Israel, Australien entstiegen, in Erwartung der himmlischen Krönung. Vor dem Tor der Synagoge ragt ein weißer Satellit aus dem Meer der schwarzen Hüte; die frohe Botschaft soll in alle über die Welt verstreuten 1487 Zentren übertragen werden und jede gläubige Seele erreichen.

Seit der neunzigjährige Menachem M. Schneerson, der siebte und letzte Rebbe der belorussischen Dynastie, im letzten Jahr einen schweren Schlaganfall erlitt, ist er stumm und halb gelähmt. Heute, am 9. Shevat 5753, dem 43. Todestag seines Vaters, soll er sich zu erkennen geben. Nicht daß die Lubawitscher erst seit heute auf die Offenbarung des Rebbe warten, der als Messias alle Juden nach Israel führen, dort den 3. Tempel erbauen und die Toten auferstehen lassen soll. Nach der Überlieferung gibt es in jeder Generation einen Rabbiner, der der Messias sein könnte.

In vier Jahrzehnten hat der Rebbe, weltgewandter Absolvent der Pariser Sorbonne, seine Gemeinde aus einem Häuflein Holocaust-Übeilebender zur stärksten chassidischen Sekte mit heute 200 000 Mitgliedern aufgebaut. Auch immer mehr nichtorthodoxe Juden glauben daran, daß es der Brooklyner Rebbe sein könnte, der sich in dieser Generation offenbart. In Crown Heights glaubt es jeder der 20 000 Anhänger. Über der Kingston Avenue, der Geschäftsstraße mit dem Devotionalienladen und der kleinen Imbißstube „Aufrichtigs“, hängt seit Jahren ein Transparent: „Moshiach is coming“. Der Messias wird kommen.

Menachem Schneerson, der seine drei Quadratkilometer kleine Diaspora in den letzten vier Jahrzehnten nicht mehr verlassen hat, hat nie behauptet, er sei der Messias – er hat aber auch nie das Gegenteil gesagt. Und obwohl er nicht politisch sein will, ist sein Einfluß im Judentum unermeßlich. Noch 1988 hätte er beinahe – über eine Debatte um das jüdische Recht auf Heimkehr – die israelische Regierung gestürzt. In Kfar Habat, wenige Kilometer vor Tel Aviv, haben die 6000 Gemeindemitglieder die Brooklyner Synagoge originalgetreu bis ins letzte Bücherregal nachgebaut. Auch der mit rotem Samt überzogene Sessel des Rebbe steht seit langem bereit für den Fall, daß der Messias nach Israel geht. Der Rebbe hielt unterdessen jeden Sonntag in Brooklyn hof; kein israelischer Politiker auf Staatsbesuch in den USA kam um eine Audienz herum.

Doch das war alles vor dem Schlaganfall. Seither lebt der Rebbe zurückgezogen in seinem Zimmer und erscheint nur noch selten zu den Zeremonien. Die Stille und das Warten sind einem Teil der Jünger offenbar zu viel geworden, und so hat sich die Gemeinde gespalten. Wenn er erschien, sangen sie „Lang lebe unser Meister, unser Lehrer und Rebbe, der König Messias“, obwohl Schneerson ihnen, als er noch sprechen konnte, dieses Lied untersagt hat. „Seht doch, wie er nickt und winkt und unser Singen befürwortet“, feuerte der Rabbi Jonah Autzon seine Fraktion in Crown Heights an. Früher wäre er aus dem Zimmer gegangen, argumentierte er, „jetzt hat er seine Rolle als Messias klar akzeptiert“. Rabbi Shmuel Butman, der Wortführer der Gruppe „Internationale Kampagne für den König Messias“, ließ in der New York Jewish Weekly eine ganzseitige Anzeige drucken: „Lang lebe der König Messias“.