Von Wolfgang Libal

Wenn im Balkan-Wirtshaus die Lichter ausgehen", so schreibt der kroatische Schriftsteller Miroslav Krleža, "greifen die Gäste zum Messer." Dann glaubt jeder, auf sich selbst gestellt zu sein. Der Griff zum Messer ist am Anfang ein Akt der Verteidigung, wird aber in der Atmosphäre des Mißtrauens zur Aggression, denn wer zuerst zusticht, ist im Vorteil.

Das Muster der Gewalt gilt auch außerhalb des Wirtshauses: Wer dem Nachbarn Haus, Hof und Herde wegnimmt und ihn vertreibt, verhindert, daß ihm selbst dieses Schicksal zuteil wird. Deshalb haben sich an dem Morden und den Vertreibungen in gemischtnationalen Ortschaften oft auch die Nachbarn beteiligt, mit denen die Opfer vor gar nicht so langer Zeit in der Dorfkneipe beim Slivovitz oder Kaffee noch zusammensaßen.

Das eigentliche Vernichtungswerkzeug in diesem Krieg, vor allem gegenüber der Zivilbevölkerung, ist nicht die Maschinenpistole, es ist das Messer. Der Feind, der wirkliche oder vermeintliche, soll nicht nur getötet, er soll vernichtet, er soll ausgelöscht werden. So weisen die Leichen exhumierter Opfer der Zivilbevölkerung außer tödlichen Einschüssen oft noch Messerstiche auf. Die Vernichtung des Feindes wird so zu einer persönlichen Tat, das Töten zu einer Sache zwischen zwei Individuen, und der Überlebende verschafft sich die Aura des Siegers.

Eines der Bücher des serbischen Schriftstellers Vuk Drašković, Führer der größten serbischen Oppositionspartei, trägt den schlichten Titel "Nož" – das Messer. Er schildert in beklemmen- – der Weise, wie sich im Zweiten Weltkrieg in der Herzegowina die kroatische Ustascha, serbische Tschetniks, kommunistische Tito-Partisanen und Muslime gegenseitig abschlachteten. In diesem Roman philosophiert ein Kämpfer über das Messer: "Es gibt in unserem Volk ein Gerät, mit dem wir besser umgehen können als irgend jemand auf der Welt, und ein Wort, das wir am besten auf der Welt aussprechen können. Dieses gar nicht komplizierte Gerät und dieses ganz einfache Wort sind unser Stempel, sind unser Zeichen, sind unser erster Ausweis durch die Geschichte... Wir sagen: das Messer, und wenn wir das Wort hören, kommt Leben in uns, in den Augen flammt es auf, stürmisch schlägt das Herz, im Gehirn blitzt etwas auf, wir erschaudern... Das Wort schlägt in uns ein, in diesen drei Buchstaben ist unsere ganze Geschichte."

In dem Krieg, dessen Zeugen wir sind, markieren ausgestochene Augen, aufgeschlitzte Körper, abgeschnittene Ohren, Nasen und Geschlechtsorgane den Einsatz des Messers. Flüchtlinge und Vertriebene berichten, Tschetniks und andere Freischärler hätten sich einen Spaß daraus gemacht, vor den zusammengetriebenen Gefangenen genüßlich ihre Messer zu schärfen. Frauen in der Vojvodina berichteten, sie seien von Männern angerufen worden, die ihnen gedroht hätten: "Ihre wunderschönen Augen sind die richtige Sache für mein Messer..." Zu einem Werkzeug der Vernichtung aber wird das Messer erst durch den Haß. Woher kommt aber dieser abgrundtiefe Haß? "Es ist heute schwer, irgendwo Leute zu finden, die so besessen sind von ihrer Geschichte und den Erzählungen ehemaliger Kriegsgreuel", berichtet der kanadische General Louis Mackenzie, bis Juli vergangenen Jahres Kommandant der Uno-Schutztruppe in Sarajevo. "So viel wird von Verbrechen und Übeltaten geredet, daß es schwer ist zu unterscheiden, was sich auf die Gegenwart und was sich auf die Vergangenheit bezieht... Mir scheint, daß alle unter dem Einfluß schwerer Belastungen aus der Vergangenheit sind, die geschickt dazu benutzt werden, die heutigen Konflikte zu motivieren."

Es stimmt: Latente Haßgefühle aufgrund historischer Erfahrungen werden gezielt aktiviert, um diesen Krieg überhaupt führen zu können. Er ist ja kein Bürgerkrieg, in dem die Angehörigen einer Nation ihre politischen Meinungsverschiedenheiten mit Waffengewalt austragen: Er ist ein Nationalitätenkrieg.