WERNIGERODE. – Der Herr Magister aus St. Georgen geiferte: „Ja, wir wollen uns, ein einig Volk, dafür stark machen, daß der reiche Jude wieder in seine Villa ziehen kann, und wenn er tot ist!“ Was war geschehen? Der Mann hatte offenbar gerade das Dossier in der ZEIT Nummer 46 vom 6. November 1992 gelesen. Er griff gleich zur Feder und teilte der Redaktion seine Maximen und Reflexionen, mit. Deutschland im Herbst 1992.

Zur Erinnerung: Wir hatten die Geschichte eines Hauses in Wernigerode nacherzählt, wie es jüdischen Bürgern von Nazis geraubt, dann von Kommunisten enteignet, schließlich von Demokraten verschoben wurde. Benno Russo, der „reiche Jude“, dem die Villa an der Feldstraße 7 einst gehörte, lebt nicht mehr. Er und seine Frau kamen im Konzentrationslager um. Ihre Nachfahren, die Familie Nelki, haben auf die Rückgabe der Villa verzichtet und sie dem Landkreis Wernigerode mit der Auflage geschenkt, am Gebäude eine Tafel anzubringen, die an die Massenmorde in der NS-Zeit gemahnt. Außerdem sollten Stipendien für rassisch und politisch Verfolgte ausgelobt werden. Der Landkreis schlug das Angebot aus, ein Teil des Nelki-Erbes wurde unter mysteriösen Umständen verscherbelt. Diese Transaktion rückte den Landrat Michael Ermrich, seine Amtsgehilfen und die Magdeburger Niederlassung der Treuhand ins Zwielicht.

Wen kümmerte die Sache schon? Die Bürger schlugen sich mit existentiellen Problemen herum, die Bürokraten machten es sich unter einer dicken Decke des Schweigens gemütlich. Der Fall wäre wohl nie ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, hätte es da nicht einen zornigen Lehrer, eine wackere Heimatkundlerin und den hartnäckigen Rechtsvertreter der Nelkis gegeben. Sie bohrten und forschten nach, schrieben Leserbriefe, legten Widersprüche gegen die „amtlichen Tatsachen“ ein.

Nachdem die ZEIT über den Skandal um die Villa berichtet hatte, erwachte auch die lokale Presse aus dem Tiefschlaf. Radioreporter eilten nach Wernigerode und Fernsehleute. Der Landrat kam immer mehr ins Schwitzen. Schließlich wurde die Sache sogar im Parlament zu Magdeburg erörtert. Hans-Jochen Tschiche, ein Abgeordneter vom Bündnis 90, wollte in einer kleinen Anfrage wissen, ob die kommunale Aufsichtsbehörde die Untersuchung des Vorganges aufgenommen habe. Innenminister Hartmut Perschau (CDU) reagierte höchstselbst. Die Quintessenz seiner Antwort: Der Fall wird neu aufgerollt, weil es nicht mit rechten Dingen zugegangen war.

Nun war die Bezirksregierung als kommunale Aufsichtsbehörde am Zuge. Noch vor Weihnachten hob sie den Investitionsbescheid auf, den der Kreis Wernigerode in Kenntnis bestehender Rückgabeforderungen für die Liegenschaft an der Feldstraße 7 ausgestellt hatte. So beschieden am 14. Dezember.

Vier Tage später schrieb Professor Michael Buckmiller, der Rechtsvertreter der Nelkis, einen Brief an den Landrat: „Die Familie Nelki überträgt sämtliche ihr aus dem eingeleiteten Restitutionsverfahren zufallenden Eigentumsrechte ... dem Landkreis Wernigerode, sofern dieser sich bereit erklärt...“ An dieser Stelle werden noch einmal die alten Bedingungen in Erinnerung gerufen: Gedenktafel, Stipendien, Erhalt der kulturgeschichtlich bedeutsamen Villa. Der Landrat zögert und zaudert bis heute. Es heißt, er wolle vielleicht einen runden Tisch aufstellen und über die Villa diskutieren. Seine Presseabteilung gibt derweil schneidige Erklärungen heraus und spielt den Vorgang als „Luftnummer“ herunter.

In der Zwischenzeit meldeten sich auch andere Bürger, die im Wernigeroder Dschungel schlechte Erfahrungen machen mußten, weil sie sich erfrecht hatten, enteignetes Vermögen zurückzufordern. Aus Troisdorf schreibt Richard C. Er bezeichnet sich als „Stahl-Geschädigten“ (Herr Stahl leitet das Amt für offene Vermögensfragen in Wernigerode) und faßt zusammen, wie er in Michael Ermrichs Amt abgefertigt wurde: „Verschleierung von Tatsachen, Unterdrückung von Akten, Verweigerung von Auskünften, glatte Lügen usw. gehören zur Tagesordnung.“ Wolfgang S. aus Gelsenkirchen erging es im schönen Sachsen-Anhalt nicht besser. „Mit allen Mitteln wird versucht, das Recht der Rückgabe mit Willkürlichkeiten zu unterhöhlen ... Der Komplex der Ungerechtigkeit, begangen im Namen der Bundesrepublik Deutschland, ist größer als der eines Herrn Schalck-Golodkowski.“