Von Johannes Winter

Die spinnen, die da oben“, sagt der Kellner lapidar. Erst nach einigen Gläsern Grappa findet er sich bereit, seine spärlichen Kenntnisse über eine Kuriosität im hochgelegenen Hinterland des Lago Maggiore preiszugeben.

Von Cannobio windet sich die Straße durchs gleichnamige Tal, überquert Hängebrücken, kerbt sich in Felswände, von denen eine mit den Konterfeis von Che Guevara und Marilyn Monroe besprüht ist. Dahinter liegt Gurro, 800 Meter hoch.

Die Leute von Gurro, hatte der Kellner in einer Mischung aus Neid und Abfälligkeit erzählt, diese Leute hielten sich für etwas Besonderes. Sie fühlten sich als schottische Abkömmlinge.

Die Dorfkneipe namens „Scotch Bar“ ist ein erster Hinweis. Unterm Vordach macht sich ein mächtiger Holztisch breit, drinnen dominiert der Charme von Resopal. Auf dem Tresen finde ich Halsbonbons Marke Monk’s Club, im Regal jedoch keinen Whisky. Aber der Mann hinterm Tresen besitzt den Schlüssel zur Geschichte.

Ein paar Schritte, und wir befinden uns zwischen Dreschflegeln und Sensen, Holzpantinen und Stoffschuhen, Trachten und Webstühlen im Dorfmuseum neben der Kirche. Eine Stiege hoch, und Steven Pattriti, der Wirt aus der „Scotch Bar“, bleibt vor einer Tafel mit den Wappen von zweihundert schottischen Clans stehen. An der Wand gegenüber werden mir fünf Gurreser Familienwappen vorgeführt, alle schottischen Ursprungs.

Es war 1525, so Pattriti, als nach der Schlacht von Pavia ein Söldnerhaufen der Scotch Guard of France, in Diensten von Franz I., aus der Geschichte verschwand. Den mühsamen Rückmarsch über die Alpen scheuend, hätten die Landsknechte ein Leben im Bergdorf oberhalb des Lago Maggiore vorgezogen. Allerdings nicht ohne zuvor die einheimischen Männer einen Kopf kürzer gemacht zu haben. In der „Scotch Bar“ bekräftigen die Nachfahren der Eindringlinge den blutigen Auftritt mit entschiedener Gebärde.