Von Christoph Dieckmann

"Im Abendrot leuchtet alles im verführerischen Licht der Nostalgie, sogar die Guillotine."

Milan Kundera

"Es soll sich lohnen, Opfer gewesen zu sein."

Angelika Barbe

Kamerad, weißt du noch? Die Nachtfahrt im Manöver, irgendwo in Thüringen. Du fuhrst den Kübelwagen durch den nassen Nebel. Beifahrer war der Spieß. Soso, sprach er, Theologie wollen Se studieren, sehr interessant, leider feindlich, aber singen, singen können die Pfaffen. Singe Se, mein süßer Jesus, sonst pennen Se noch ein, und ich verblute in Ihren weißen Armen. Zwooo, drei: Ich trage eine Fahne / und diese Fahne ist rot / es ist die Arbeiterfahne / die Vater trug durch die Not / die Fahne ist niemals gefallen... Lauter, Jesus, mehr Arsch! Sonst machen Se morgen Häschen hüpf bis Mekka!

Und ich, Kamerad, ich wollte auf der Leipziger Buchmesse am Fischer-Stand das Jazzbuch klauen. Paß auf, sagtest du, ich sehe mich um, und wenn die Messe-Typen nicht gucken, leg ich dir die Hand auf die Schulter. Ich las, ich wartete, ich spürte die Hand, steckte das Buch ein und wurde verhaftet. Es war leider nicht deine Hand gewesen in dem Gedränge. Fluchtversuch: gescheitert. Bei der Messe-Polizei war bereits der Leiter der Verkehrsbetriebe Frankfurt/Oder geständig, der sich mit Horst Eberhard Richters "Flüchten oder standhalten?" räuberisch hatte absetzen wollen. Protokoll, dann Überstellung an die Stasi. Tathergang schildern, donnerte der Genosse Tschekist, "und ich möchte auch das harte Wort RAUB lesen. Ham Se ’n Stift?" Ein subtiles Opus wuchs und wuchs. Der Unhold wurde nervös. Kurz vor Sieben ergriff er das Fragment. "Raus! Ich muß noch einkaufen."