Von Gisela von Wysocki

Kritische, gegen kulturelle Zwänge aufbegehrende Literatur des deutschsprachigen Raums, von Heinrich Mann bis zu Marieluise Fleißer und Thomas Bernhard, führt Miniaturen vor. Sie zeigt, wie unter dem Einfluß der Gesellschaft Menschen zu Zwergen mutieren. Untertänige Wilhelminer, gedrückte Kleinstädter, nervöse Schlußverkaufshyänen des alpenländischen Lebens. Bernard-Marie Koltès hätte sie mit Topfpflanzen verglichen, über die er einmal sagte, sie seien "verkniffen, engstirnig und frigide". Die geistige Verwachsenheit ist den Personen in die Glieder gefahren, sie leben auf kleinem Fuß. Ihre Stimmen sind vom lauten "Hier"-Sagen in Mitleidenschaft gezogen. Oder sie verlieren sich in den Schleifspuren willensschwacher Dialekte.

In Frankreich dagegen liegt der Blick gern auf den Davongekommenen, auf erhobenen Häuptern. Auf Souveränen, die ihrer Bestimmung furchtlos folgen: Botschaftern des Imaginären. Ihr Heldentum ist von de Sade, Bataille, Genet oder Klossowski bis hin zu Artauds Visionen der Grausamkeit und des Tötens sprachmächtig und mit beispielloser Autorität besungen worden. Ihre Stimmen haben an die Grenzen des Sagbaren gerührt, wilde Provokationen, die dem blaßgesichtigen Unternehmen westlicher Demokratien, dem moderaten Miteinander der Geschlechter schwere Irritationen zufügten.

Bernard-Marie Koltès, der Sohn eines Offiziers aus Metz, offensichtlich nicht geneigt, eine seiner Herkunft angemessene Entwicklung zu nehmen, trat diese Erbschaft an, die, heroisch, kolonialistisch, katholisch, ihn Bilder finden ließ für die Rebellion und die Gefahr. Für eine Literatur des "Barbarischen", wie ein häufig von ihm verwendetes Wort heißt. Die Figuren seiner Theaterstücke sind Mörder, Ganoven, Dealer, eindrucksvoll Gestrandete. Späte "Blumen des Bösen", die dem Humus abendländischer Verbote entstammen: dem der Sexualität, der Kriminalität und des Ockultismus.

In dem italienischen Massenmörder Roberto Zucco, einem entflohenen Zuchthäusler, der drohte, sich vom Dach eines Hauses zu stürzen, fand Koltès ein Beispiel für die theatralische Kraft, die dem Unangepaßten eigen ist; dem "wilden", aus der menschlichen Gemeinschaft verstoßenen Leben. "Sagenhaft schön", ein "verspäteter Samson", so nannte er diesen von internationalen Polizeitruppen gesuchten Täter. Er verpflanzte seinen Namen, indem er ihn zum Titel eines Theaterstücks machte, von den Fahndungsplakaten in die Programmhefte großer Bühnen. Ein Fetisch, der von einem Zauberer gereinigt wird. Koltès war ein solcher Zauberer. Seine bedingungslose moralische Parteinahme und die manchmal soghafte Artistik seiner Sprache, die allen Vorgängen etwas Schicksalhaftes gibt, ein geradezu sakrales Fluidum, unterziehen seine Protagonisten einem Läuterungsprozeß, aus dem sie, Angehörige des Subproletariats, als große Tragiker, moderne Heldengestalten hervorgehen.

Sie geben sich als Verschworene, ohne daß man sagen könnte, auf welches verborgene Zentrum ihre Gedanken und Beweggründe zielen. Ist es das Geld, die Eingeschlossenheit des Ich, Homosexualität, kollektiver Verlust der Unschuld? Ist es die Tabuverletzung?

Die Vielfalt der Motive ist vermutlich der Grund dafür, daß, sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland, die Versuche, Koltèssche Poesie in Worte zu fassen, so häufig auf den Begriff des "Geheimnisses" zuliefen. Sicherlich fallen deshalb auch die Hinweise auf Traditionen, auf Sprechweisen dieses Autors ungewöhnlich variantenreich, ja widersprüchlich aus: Molare (Heiner Müller); Buddha (der Übersetzer Simon Werle); Thomas Bernhard (C. Bernd Sucher); das kreolische Französisch der Haitianer (Patrice Chéreau). Ein Phänomen, wie ein Werk in den Augen seiner Leser und Zuschauer in solche Facetten auseinanderbrechen kann. Wie offenbar gering sein Interesse daran war, ihnen einen Kanon des Verstehens an die Hand zu geben. "Nicht identifizierbar" – so könnte die Formel für dieses Werk und seinen Autor heißen, der 1989 im Alter von 41 Jahren gestorben ist. Patrice Chéreau hat ihn als "Kometen" bezeichnet, als einen rasenden Stern. Viel zu schnell, um für das menschliche Auge sichtbar zu sein. Ein früher Tod und ein furioses Werk. Vergleichbar seinen Figuren – zum größten Teil Untergetauchte oder Flüchtende –, hält er sich bedeckt, geht seiner Wege: Transparenz wäre eine Illusion. Der Dealer weiß seine Angebote zu verhüllen. Der Mörder mordet "grundlos": Gerade darin liegt sein Charisma. Unkenntlich gemacht, gehüllt in die Schwaden feuchten Dampfes, bewegen sich auch die Personen des nachgelassenen Romans "Prolog", 1991 in der Editions de Minuit erschienen. Sein Hauptschauplatz ist ein Hammam, eine arabische Sauna. Ein Ort der aufgeweichten Körper, der umnebelten Köpfe. Das Motiv der Tarnung steht, wie immer bei Koltès, im Vordergrund. Er hatte schon in einer Vorbemerkung zu "Quai West" geschrieben, "die einzige Frage, die man stellen muß, ist ‚Wie"‘. Niemals "Warum". Antworten können immer nur falsch sein: "banal, halbwahr", voll von "Irrtümern und Vorurteilen".

"Es ist ja alles nicht wahr", sagen die Personen. Für sie ist das brave Herumbasteln des Kausalitätsprinzips einfach nicht auf der Höhe der Realität. Das ganze Gebäude, Ich, Du, Kultur, und alle die Ordnungen von Haus, Tisch und Leben, sind einsturzgefährdet. Wer weiß Bescheid? Koltès ist ein kämpferischer Irrationalist. "Unser Territorium ist zu klein, die Menschen sind zu zahlreich, die Unvereinbarkeiten zu häufig, die finsteren und verlassenen Stunden und Orte zu unzählbar, als daß noch Raum wäre für die Vernunft", heißt es in einer Skizze mit dem Titel "Home". Seine Phantasie wird von Mischformen, von der Alchimie menschlicher Existenzweisen angezogen. Von Mischsprachen, Mischlingen bis hin zu Mißgeburten. Seine Verweise auf "mongoloide Neger", "Bleichhäutige mit wulstigen Lippen" und "Zambos mit glatten Haaren", von denen er sagt, daß sie von "den Ethnologen lieber ignoriert" werden, sind, wie das gesamte Werk von Koltès, absichtsvolle Herausforderung der westlichen Erziehungskultur.

In "Prolog" erscheint der Raum der Wirklichkeit erweitert, vertieft; er nimmt Züge der Schöpfungsgeschichte an. Die Stadt bildet sich in eine Sumpflandschaft zurück, in ein wuchernd bewachsenes Terrain, in dem man Witterung aufnimmt wie ein Tier. Das ist alles andere als Nostalgie, als eine Hymne auf die Fauna und Flora einer zurückliegenden Zeit. Wenn bei Koltès von Blut gesprochen wird, dann meint er das Blut, "das auf dem Bürgersteig trocknet". Man befindet sich hier nicht auf sogenannter freier Wildbahn, sondern auf den gekachelten Fliesen eines Dampfbades, in den parfümierten Daunen einer stickigen Absteige. Man trifft sich, um schwitzend den Dreck und das Gift eines schlecht gelebten Lebens oder die Erfahrung eines nicht gelebten Lebens loszuwerden. Ali, der Masseur und Bongospieler, hat es mit einer "narzißtischen Klientel" zu tun, die gekommen ist, um sich von einem Zuviel an Nahrung und Alkohol zu befreien. Es sind von Überfütterung und Trägheit gezeichnete Körper, uneilöste Kreaturen: "Männer, deren seit Jahren unbenutztes Sperma den normalen Ausgang vergessen hat."

Die Sauna als Biotop. Dunstig, schlammig. Neptunische Welt. Juan Goytisolo sagt, sie mache "trunken" und "wollüstig", sei "voll von einem kräftigen Aroma". Sie ist der Ort einer umfassenden Katharsis. Auch Francis Ponge hatte das Wasser schon als "zerbröckelnde" Kraft beschrieben, als "schillernd", "verwegen"; in Verdunstung übergehend.

Von Feuchtigkeitsschwaden eingehüllt, durchdrungen, ausgehöhlt, werden die Besucher der rue de Tombouctou, Alis Kunden, systematisch dem Erlebnis ihrer Auflösung zugeführt, also jenem Zustand näher gebracht, in dem Koltès seine Protagonisten am liebsten sieht: undurchschaubar; dekomponiert. Zuerst müssen die Menschen durch ihre "Natur"-Geschichte hindurchgegangen sein, um an den Geist Anschluß zu finden. Ali hat alle Hände voll zu tun. Die jahrtausendealte Erstarrung, die Verklumpung in den Genen löst sich nicht von allein. Von einem "groben Auswringen der Glieder" ist die Rede, während das Bongo den "neun Monate lang im ... Uterus gehörten Herzschlag der Mutter" beisteuert. Ein Klang, "tausendmal komplexer, raffinierter, aussagekräftiger ... als jede der erfaßten Sprachen der Menschheit".

Hin und wieder führen die Verzichtserklärungen gegenüber westlichen Aufklärungs- und Vernunfttraditionen diesen Autor in sprachliche Übertreibungen hinein, in einen etwas gewaltsamen Ausdruck des Spektakulären. Manche Passagen des Romans klingen überinstrumentiert, was Simon Wertes Übersetzung, den Ton genau treffend, auch nicht zu beschönigen versucht. Die Absicht, um keinen Preis von seiner provokativen Sicht abzurücken, gibt dem Text gelegentlich etwas Lautstarkes, als ob er sich mit einer Brechstange Platz machen wollte; die Form zerfasert. Die große einleitende Beschreibung über den jungen Ziehsohn, "Mann" genannt, bricht unversehens ab, ins Blickfeld kommt Ali, "Mann" taucht am Schluß des Romans wieder auf, ein fallengelassener Faden, eine formale Ungekonntheit. Beider Geschichte wird von einer Prostituierten erzählt, die plötzlich aus dem Nichts auftaucht.

Vielleicht sind die schönen und grausamen "Märchen aus Tausendundeiner Nacht" ein unbewußtes Muster dieses Erzählens gewesen. "Prolog" ist in der rue de Tombouctou in "Babylon" angesiedelt. Ein schauriger und ein magischer Ort: es wird vom Bann des "bösen Blicks" gesprochen, von jahrelanger Arretierung des Jungen im Faltenwurf einer Gardine, von Alis Angst vor dem Verbrennungstod und von der Zerstückelung einer weiblichen Leiche.

"Prolog" ist im Hinblick auf seine poetische Ökonomie also durchaus kein Meisterwerk. Trotzdem hinterläßt dieser kurze Text einen tiefen Eindruck. Koltès ist ein Könner der Konstellation, der mehrdimensionalen, kunstvoll ineinandergreifenden Systeme, die er in ein brisantes Verhältnis zueinander setzt. Drei Welten werden miteinander "gekreuzt", das heißt, eine "babylonische" Kokotte, ein algerischer Musiker und Masseur und ein verschlampter, kasparhauserhafter Junge werden als Repräsentanten, Verbündete eigensinniger, fremder Wirklichkeiten zusammengeführt. Sexuelle Ausschweifung. Magie und prälogische Welt. Herkunftsloses, amorphes "Mannes"-Leben.

Vergangene Zivilisationen, Abfall, Relikt, Überbleibsel berühren sich schockhaft mit einer weit fortgeschrittenen, mit unserer Wirklichkeit. Koltès will die Bestandsaufnahme soweit wie möglich treiben. Das Kraftfeld, in dem sich seine Sprache bewegt: die Verschachtelung ineinandergreifender Erlebniswelten, hat er selbst mit dem Begriff der "komplizierten Atavismen" wohl am besten beschrieben. Wenn Ali durch sein Viertel zieht und vorsorglich eine Strickleiter bei sich trägt für den Fall, daß er ein mehrstöckiges Haus betreten muß, dann macht Koltès ihn zum Kreuzungspunkt von Vergangenheit und Gegenwart, von Stadt und Land, von Tier und Mensch.

Solche Verschleifungen von Epochen und Strukturen geben diesem Roman sein "genealogisches" Gewicht. Unbekanntes Material aus früher Zeit, rituelles Vor-Leben, ist in jedem von uns zu vermuten; selbst wenn die "europäische Norm" des Menschen, wie es einmal bei Koltès heißt, keine Erinnerung mehr daran aufkommen läßt. Mehr und mehr haben wir uns seines Anblicks entwöhnt. Deshalb werden die Bedingungen immer schwieriger, ihm auf der Spur zu bleiben.

Solche eruptiven, im Innern, genauer gesagt, in den Genen herrschenden Kräfte sind es aber, die in Koltès’ unruhigem, unfriedlichem Werk an die Oberfläche steigen. Hier stehen alle Geschichten, alle Schauplätze und Personen unter Spannung. Zu ungleichartig sind die Materialschichten, die in ihnen arbeiten und die sie nicht zur Ruhe, sondern gelegentlich zu Tode kommen lassen. Als wäre die Geschichte der Zivilisation nichts anderes als ein Haufen ungeordneten Zeugs. Ein Flop, wie er im Buche steht.

Man ist nicht vorbereitet auf das Trauma der Moderne. Koltès selbst starb an Aids, auch eine Abwehrschwäche. Die menschliche Natur ist auf dem Rückzug. Roberto Zucco, eine Figur von "unendlicher Reinheit", nimmt vor diesem Hintergrund die Züge eines Archetypus an. Nicht weil er getötet hat, sondern weil er noch stark genug war, um zu handeln. Ein Wachsamer: nicht geschwächt vom "bösen Blick" der Photoapparate und kein Gefangengehaltener wie "Mann". Keiner, der unbeschadet sein Leben lebte, und doch auch kein Eingeschläferter.

Koltès ist ein einfallsreicher Fahnder, wenn es um Tatorte des Prähistorischen geht, um die Komplizenschaft des Menschen mit der Welt der Haut, der Gerüche, der flutenden Geräusche. In diese Richtung führt ihn jede seiner Beobachtungen, fast zwanghaft. Vielleicht sind bestimmte Erkenntnisse heute nicht mehr anders zu gewinnen als auf eine manchmal obsessive Art und Weise. Im Ton überpointiert, atemlos, massiv. In der Wahrnehmung parteiisch; angespannt. Extravagant, wie hier, bei Koltès.

Auch Wahrheiten müssen auf sich aufmerksam machen. Die gegnerischen Kräfte, die eine Literatur wie diese als ihr unerbittliches Gegenüber sieht, sind nicht mit leichter Hand auszuhebein. Nein, dieser Gegner läßt nicht mit sich spaßen. Er neigt zur Gewalttätigkeit, zur rücksichtslosen Offensive. Koltès hat ihm einen Namen gegeben. Er lautet: der "Europäer". Diese, in seinen Augen, hinfällig gewordene Organisationsform der menschlichen Spezies zeichnet sich durch eine besondere Inhumanität aus. Ein "Europäer" kann, so Koltès, aus Wut über ein paar Wasserflecken auf der Küchenwand an seinem Nachbar zum Mörder werden. Mit seinem Auto veranstaltet er an den Wochenenden Massenkarambolagen; in regelmäßigen Abständen bereitet er sich das Schauspiel zerstückelter Körper, blutender Gliedmaßen.

Der "Europäer" ist ein Krieger auf dem Pfad der Vergeltung. Das hält er für Leben. Deshalb hat Koltès hauptsächlich Texte für das Theater geschrieben. Dort weiß man wenigstens, sagt er, "das ist nicht das Leben". Hier zumindest kann es keinen Irrtum geben. Und weil das Theater ein Ort der Wahrheit ist, hat er seinem Roman einen Namen gegeben wie einem Bühnentext. Was man über die "Europäer" von Koltès zu lernen hat, ist, daß sie Theaterfremde sind; Unwissende. Man könnte sagen, sie sind von ihrer Bühnen-Reife abgeschnitten. Sie haben versäumt, sich einen Raum zu schaffen, in dem sie von einer in ihnen wohnenden Verrücktheit, von ihrer Dämonie, ihrem fetischistischen Denken Mitteilung machen können. In den Chimären von Moderne und Metropole, die man an den Rändern von Koltès’ Texten vermuten kann, haben sie sich riesige Areale der Vermeidung, Abwehrzonen, geschaffen.

Die Verwandtschaftsbeziehungen zum großen Menschheitsclan sind von ihnen aufgekündigt worden. Die "Europäer", sagte Koltès (der selbst Nigeria, Guatemala, die USA, Nicaragua und Mexiko bereist hat), sind "Monster". Rein äußerlich machen sie den Eindruck von Aufrechtgehern. In Wirklichkeit herrscht ein Gefühl der Angeschlagenheit. Er hat diesen Zustand ein "Schwelen" genannt. Ein Brand nach innen, den es nicht geben darf, darum kann er auch nicht gelöscht werden.

In den angehängten Prosatexten des Bandes findet man kleine Huldigungen für Kung-Fu-Kämpfer, Boxer und Bruce Lee: Figuren aus der Gegenwelt der Homosexuellen. Beinahe schon Ikonen wie die Matrosen von Jean Genet. Was dieser, in "Miracle de la Rose", "die klare Einfachheit der Männlichkeit" genannt hat, mag zu den nützlichen Mythen einer von der Gesellschaft zu Außenseitern erklärten Gruppe gehören. Literarisch gesehen ist ihr Verfallsdatum wohl inzwischen überschritten.

Bernard-Marie Koltès schlägt noch einmal Funken aus ihnen, er "dramatisiert" sie auf einer erweiterten Ebene, lädt gewissermaßen ihre Batterie neu auf. Seine selbstbeherrschten, geheimnisvoll unbeirrbaren "Helden" sind, über den homosexuellen Code hinaus, als Partisanen zu verstehen. Als Antieuropäer; als nicht der weißen Rasse Zugehörige. So erzählt er, daß der Boxer Muhammad Ali seine Treffer manchmal so blitzschnell plaziert habe, daß die Zuschauer sie nicht hatten sehen können; lediglich den plötzlich zu Boden gegangenen Gegner. Erst die Zeitlupenbilder der Fernsehaufzeichnung konnten zeigen, daß der Schlag wirklich stattgefunden hatte. In der unsichtbaren Welt herrschen eigene Gesetze, und es geschehen Dinge, die mit bloßem Auge nicht zu erfassen sind.

Das werden die "Europäer" niemals verstehen. Sie sehen den Fleck an der Wand, legen sich mit dem Nachbarn an, der seine Badewanne überlaufen ließ, und haben keinen Blick für das Menetekel. "Unsere Fremdheit gehört zu unserer Kultur wie die Traube zum Wein", sagt der Kunde in der "Einsamkeit der Baumwollfelder": Koltès hätte vielleicht gesagt, daß die Lebensform des "Europäers" das Gegenteil von Eingeweihtheit ist.

  • Bernard-Marie Koltès:

Prolog und andere Texte

Aus dem Französischen von Simon Werle; Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1992; 159 S., 26,– DM