Die meisten sind arm – Seite 1

Von Astrid Prange

Die meisten Frauen wollen schon mit 21 Jahren sterilisiert werden", berichtet Antonia Maria Coelho, Krankenschwester in Manguape im Nordosten Brasiliens. Die Hälfte der Frauen in der 70 000-Einwohner-Stadt hat sich bereits die Eileiter durchtrennen lassen. "Ich finde das richtig. In einem Land wie Brasilien kann man nicht unbegrenzt Kinder in die Welt setzen", meint die 24jährige.

Rund sechs Millionen Frauen der insgesamt 37 Millionen Brasilianerinnen zwischen 15 und 54 Jahren sind nach Angaben des Statistikamtes IBGE sterilisiert. Viele von ihnen allerdings unfreiwillig. So zum Beispiel die 42jährige Sonia Beltrao. Nach der Geburt ihres vierten Kindes vor sieben Jahren in einem öffentlichen Krankenhaus in Rio trennte der Arzt ihr die Eileiter durch, sie erfuhr es erst hinterher. "Ich bin mit einer Frau aus den unteren Schichten verwechselt worden", meint Sonia Beltrao. Denn als sie sich bei der Leitung des Krankenhauses beschwerte, fragte man sie verwundert: "Wie kommt es, daß Sie Architektin sind?" Der verantwortliche Arzt wurde lediglich vom regionalen Ärzteverband gerügt. Sterilisierung gilt nach dem Strafrecht als schwere Körperverletzung, selbst wenn sie freiwillig geschieht.

Geruza Paes da Silva, die mit Sonia Beltrao in einem Zimmer lag, widerfuhr dasselbe Schicksal. Die 26jährige hatte ihr viertes Kind ebenfalls durch einen Kaiserschnitt zur Welt gebracht und war ohne ihr Wissen sterilisiert worden. Von einem Gerichtsprozeß sah sie ab. Der Arzt überzeugte ihren Mann davon, daß der Eingriff aus gesundheitlichen Gründen notwendig gewesen sei.

Sonia Beltrao ist bis jetzt die einzige Brasilianerin, die ihre unfreiwillige Sterilisation öffentlich anprangert; sie ist deshalb von vielen Frauen als geltungssüchtig beschimpft worden. Sie erklärt sich das so: "Sterilisation wird automatisch mit Armut assoziiert – und die Armut ist die Schuld der Armen, weil sie immer mehr Straßenkinder in die Welt setzen."

Frauen aus den armen Bevölkerungsschichten werden gar nicht oder völlig unzureichend über Verhütung aufgeklärt. So teilen zum Beispiel Bewohnerinnen von Elendsvierteln, den Favelas, nicht selten die "Pille" aus Geldmangel mit der Nachbarin, nehmen sie nur am Wochenende ein oder schlucken die ganze Packung auf einmal, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach einer Umfrage unter 1800 Frauen in sieben Favelas in Rio de Janeiro im Jahre 1987.

Soziale Zwänge spielen bei der Sterilisation ebenfalls eine Rolle. "Die Frau hat keine andere Wahl. Tagsüber muß sie arbeiten und weiß nicht, wo sie ihre Kinder lassen soll", erklärt Ana Maria Lipke vom brasilianischen Ärzteverband. Im "reichen" Bundesstaat São Paulo, wo vierzig Prozent des Bruttosozialproduktes erwirtschaftet werden, sagt sie, hätten nur 38 der insgesamt 62 000 Unternehmen mit über dreißig Angestellten die gesetzlich vorgeschriebene Kinderkrippe eingerichtet.

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Durch Sterilisation wird mittlerweile genauso häufig wie durch die Pille verhütet. Um Verhütung kümmern sich laut brasilianischer Statistik vierzig Prozent der Frauen zwischen 15 und 54 Jahren. Die Geburtenrate ist beträchtlich gesunken: 1960 kamen noch 43 Neugeborene auf 1000 Einwohner, heute sind es 27. Die Volkszählung vom September 1991 ergab, daß nicht 153 Millionen, wie zuvor geschätzt, sondern 146 Millionen Menschen in Brasilien leben.

Armut ist ein wesentliches Merkmal der sterilisierten Frauen – das ergab eine nationale Umfrage aus dem Jahr 1986. Ein Drittel der Frauen waren jünger als 30 Jahre. Die Untersuchungen brachten auch ans Tageslicht, daß 35 von 100 Säuglingen per Kaiserschnitt zur Welt kommen, eine der höchsten Raten der Welt. Warum? "In den zehn Stunden für einen normalen Geburtsvorgang schafft der Arzt fünf Kaiserschnitte", sagt Lilibeth Cardozo, Soziologin beim Statistikamt IBGE. Das bringe mehr Geld.

Benedita da Silva, einzige schwarze Abgeordnete im brasilianischen Parlament, ist Vorsitzende der parlamentarischen Untersuchungskommission, die vor einem halben Jahr gegründet wurde, um herauszufinden, was mehr und mehr Brasilianerinnen dazu veranlaßt, sich sterilisieren zu lassen. Sie sagt: "Die Frauen werden zu dem Eingriff überredet. Der Arzt verschweigt ihnen, daß es sich bei der Operation um eine unwiderrufbare Tatsache handelt. Wie sonst könnte sich ein fünfzehnjähriges Mädchen für eine Sterilisation entscheiden?"

Josenilda Caldeira Drant vom Gesundheitsministerium räumt ein: Der Staat habe seit 1965, als private Organisationen mit der Familienplanung im Land begannen, untätig zugeschaut. "Die Frauen haben keinen Zugang zu anderen Verhütungsmethoden", bestätigt die Ärztin. Ihre Hoffnungen richten sich auf das 1985 verkündete Programm für die Gesundheit der Frau.

Benedita da Silva hat das schon lange abgeschrieben: "Mit der Ausführung ist noch nicht einmal begonnen worden", empört sich die Abgeordnete. Sie vermutet hinter der Propagierung der Sterilisation als ideales Verhütungsmittel eine Strategie der Industrieländer, die Versorgung mit Rohstoffen nicht durch Überbevölkerung auf der südlichen Erdhalbkugel zu gefährden.

Die Abgeordnete stützt sich auf einen Bericht des Nationalen Sicherheitsrates der USA über die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums in der Dritten Welt. Nach dem 1974 abgefaßten Plan NSSM – 200, der bis zum vergangenen Jahr als geheim gegolten habe, solle, so berichtet sie, in zwölf Entwicklungsländern, darunter Brasilien, die Geburtenkontrolle einschließlich Sterilisation angeregt werden.

Benedita da Silva ist überzeugt, daß allein eine bessere Bildung, insbesondere der Frauen, das Wachstum der Weltbevölkerung reduzieren kann. Die brasilianische Regierung scheint indessen weiterhin auf die Leidensfähigkeit ihrer Bevölkerung zu setzen: Die Verzweiflung angesichts einer ungewollten Schwangerschaft treibt jährlich etwa vier Millionen Frauen zur Abtreibung. Auch die ist im katholischen Brasilien gesetzlich verboten.