Von Wolfgang Blum

Den Gewehren der Spanier hatten die amerikanischen Ureinwohner wenig entgegenzusetzen. Zwischen 1492 und 1650 schrumpfte die einheimische Bevölkerung auf ein Zehntel. Doch weit mehr Indianer starben an Krankheiten als an Gewehrkugeln. Die eigentlichen Eroberer des Kontinents sind daher weniger die Soldaten der spanischen Krone als die von ihnen eingeschleppten Viren.

Weshalb die Indianer zu Tausenden an vergleichsweise harmlosen Krankheiten wie Masern oder Grippe starben, ist bislang nicht geklärt. Kürzlich unternahm Francis L. Black von der Universität in Yale, New Haven, einen neuen Versuch, das Phänomen zu verstehen. Die Ureinwohner, so Black, litten nicht unter Schwächen der Immunabwehr. Ihr Verhängnis bestehe vielmehr darin, daß sich ihre Gene zu sehr ähneln; deswegen könnten sich Krankheitserreger bei ihnen leichter vermehren, was zu einer erhöhten Gefahr für Infizierte führe.

Auch die Indianer Amazoniens, die von der Zivilisation erst vor wenigen Jahren aufgestöbert wurden, starben vielfach an den Krankheiten der Weißen – trotz medizinischer Hilfe. Heute noch bedroht die zunehmende Verbreitung von Infektionskrankheiten die Existenz mancher tropischer Stämme. Die naheliegende Vermutung, die Ureinwohner der Neuen Welt hätten genetische Defizite, stellten mehrere Studien in Frage. Die Forscher konnten bei ihnen keine außergewöhnliche Empfindlichkeit aufspüren, die das Massensterben erklären könnte.

Wichtigster Baustein in Blacks Theorie sind Untersuchungen über Masern in Westafrika. Deren Ergebnis: Ein Kind, das sich bei einem Familienmitglied ansteckt, hat ein doppelt so hohes Risiko, an der Krankheit zu sterben, wie ein gleichaltriges, das sich bei einem Fremden infiziert. Die Wissenschaft führt das darauf zurück, daß von Verwandten übertragene Viren besser an die genetische Struktur des neu Erkrankten angepaßt und deshalb gefährlicher sind.

Masernviren vermehren sich mit einer hohen Mutationsrate. Die Mutationen, die sich am besten gegen die Immunabwehr des Infizierten behaupten, setzen sich durch und verbreiten sich am stärksten. Gelangen Viren zu einem neuen Wirt, so sorgen dessen Antikörper für eine neue Selektion. Verfügen die beiden Erkrankten über dieselben Gene, ähneln sich ihre Immunsysteme. Die infizierenden Viren sind dann bereits bestens auf ihre neuen Lebensumstände eingestellt und können sich schneller als sonst vermehren.

Die ursprünglichen Bewohner Amerikas weisen häufig ähnliche Erbanlagen auf. Denn viele Stämme lebten über Jahrhunderte abgekapselt vom Rest der Welt. Ihre Angehörigen pflanzten sich untereinander fort. Die heute Lebenden haben dieselben Vorfahren und damit auch nahezu identische Gene. Zudem sind alle Indianer die Nachkommen von relativ wenigen Einwanderern aus Asien, die vor 11 000 bis 40 000 Jahren Amerika besiedelten. Von Anfang an mangelte es daher bereits an genetischer Vielfalt.

Heirat zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen würde die Gefahr verringern, meint Black. Doch bemerkt er selber, daß damit oft ein Verlust der ursprünglichen Kultur einhergeht. Zumindest für die Stämme, die abgelegen im Urwald Amazoniens leben, liegt eine andere Lösung des Problems nahe. Vielleicht sollten wir sie einfach mit der Zivilisation und damit auch den für sie oft tödlichen Viren verschonen.