Sie ist für niemanden und durch nichts erreichbar“, hieß es nach dem Rücktritt der sächsischen Kultusministerin Stefanie Rehm (43) in der vergangenen Woche. Aber oftmals galt das auch schon vorher. Nicht nur die Öffentlichkeit, auch die Bildungsgruppe der CDU-Landtagsfraktion hatte der CDU-Politikerin schon früh die rote Karte gezeigt.

Die Wende hatte die Lehrerin aus Aue in die hohe Politik geschleudert und eine schnelle Karriere von der Volkskammer ins Ministerium ermöglicht. Sie sei „überfordert“, hieß es bald und in ihren Auftritten „schlecht vorbereitet“. Im Ministerium wurden Wetten angenommen, bei welchem Konflikt wieder die Flucht in die Krankheit anstünde. Folgt man den Schlagzeilen, kommt das Krisenpanorama der sächsischen Schulpolitik hinzu: die Empörung der Lehrerschaft über die politische „Säuberung“, die fehlenden Lehrmittel, das ausstehende Schulgesetz, die Gewalt in den neuen Mittelschulen. Es endete nun in einem bitteren Rücktritt Stefanie Rehms, der die westdeutschen Vorurteile von der ostdeutschen Laienspielpolitik wunderbar zu nähren vermag.

Aber: Die Vorwürfe stimmen zwar, das Bild ist dennoch falsch. Rehms Staatssekretär Wolfgang Nowak (50), Jurist und als SPD-Schulpolitiker ein Dissident aus Nordrhein-Westfalen, der eigentlich starke Mann im Ministerium, brachte es auf die Formel: „Sie ist nicht an ihrer Politik, sondern an der Politik gescheitert.“ Antje Rush, Bildungspolitikerin vom Bündnis 90, bezeichnet Stefanie Rehm als „Zerreibungsopfer“. Die Zerreibungskräfte? Da wären einmal die Bildungspolitiker der CDU. Nach einem Vierteljahr offener, parteiübergreifender Debatte um die innere Schulreform, die auch das Reformprojekt Mittelschule trug, setzte das „süddeutsche Brainstorming“ ein.

Die sächsischen Bildungspolitiker der CDU wurden in München, in „Teegesprächen beim bayerischen Kultusminister Zehetmair auf Lide gebracht“ (Rush). Die sächsische Mittelschule liegt schließlich quer zu den erstarrten schulpolitischen Fronten. Sie ist integrativ und favorisiert zugleich den Gymnasialabschluß. Die Südländer fürchten, daß Sachsen die heilige Hauptschule gefährdet, wie andererseits vor allem NRW die Gesamtschule verraten sieht. Bildungspolitik wird im Westen immer noch als Unterwerfungspolitik und nicht als Einigungspolitik betrieben“, konstatiert Wolfgang Nowak. Wenn sich dann die Herren der Kultusministerkonferenz, die im Kammerton ihre alten Streitigkeiten pflegen, durch die ostdeutsche Hausfrau, die außerdem noch laut wurde, gestört fühlten, konnte man sich ausrechnen, wie es mit den Chancen der Landespolitikerin Rehm bestellt war.

Obwohl die sächsische Schulpolitik immer Schlagzeilen machte, ist sie allmählich aus dem Brennpunkt der Kritik geraten. Die radikale Entlassung von 7000 Lehrern hatte Wut bis hin zu Morddrohungen gezeitigt, wurde aber schließlich politisch akzeptiert. Allerdings hat es die Ministerin Rehm nicht verstanden, einen Dialog mit der Lehrerschaft zu entwickeln. Die umstrittenen Mittelschulen funktionieren in Endlichen Regionen; problematisch sind sie in schwierigeren Wohngebieten, in Plattenbauvierteln mit hoher Arbeitslosigkeit. Dort sammeln sich die Drop-outs und flüchten die Lehrer. Aber selbst in den Augen von Oppositionsabgeordneten ist die schulpolitische Bilanz positiv.

Bleibt des Problem der Nachfolge. Gesucht wird: eine Frau, evangelisch, CDU-Mitglied, aber keine Altlast. Talente bieten sich nicht an. Keine gute Voraussetzung, das anspruchsvolle Reformwerk für Sachsens Schulen zu vollenden. Klaus Hartung