Das Papsttum hat noch einmal Glück gehabt. Auf dem Spiel stand nichts Geringeres als die infallibilitas, die seit dem Hochmittelalter, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, "immer mehr ausdrücklich anerkannte", auf dem ersten Vaticanum 1870 schließlich "mit enger Umgrenzung definierte" Unfehlbarkeit des Papstes. Der Angriff auf diesen Klassiker des Katholizismus drohte ausgerechnet im seit jeher rechtgläubigen Aachen und kam aus einer Ecke, wo der Papst eigentlich seit einem Jahr einen Stammplatz hat: aus der Bunten Liga.

Für den nichtkickenden und nichtkatholischen Leser erläutern wir kurz die historischen Wurzeln dieser heiligen Allianz. Irgendwann in den achtziger Jahren fühlten sich einige langhaarige, stachelbeerbeinige und zuweilen dickbäuchige Freizeitkicker von den Athleten in den Fußballclubs genug diskriminiert. Kurzerhand gründeten sie die wahre Alternative zur Vereinsmeierei der Bundes-, Ober-, Landes- und Bezirksliga – die Bunte Liga. Mitmachen darf, wer den Sinn des Spiels (Ball ins Tor treten) halbwegs verstanden hat, den DFB überflüssig findet und elf Leute unter einem möglichst originellen Namen auf den Platz bringt. Personelle Defizite und mangelndes spielerisches Vermögen werden in der Bunten Liga durch vollen Einsatz beim Umtrunk nach Spielschluß und bei der Namensgebung wettgemacht. Besonders einfallsreich zeigte sich in dieser Saison ein deutschniederländisches Team, das einen holländischen Nationalspieler und unseren Bundestrainer als Namenspatrone auserkor: "Wim Kieft, Berti Kokst". In dieser und 53 weiteren Mannschaften spielen nun gottgefällige und sonstige junge Menschen zum Lobe des alternativen Fußballs und zur höheren Ehre der Institution da oben.

Und nun wird, wir schreiben die vierzigste Zeile, der Heilige Vater eingewechselt. Vor einem Jahr ernannte ihn die Bunte Liga zu ihrem Ehrenmitglied. Zwar gab es bei einigen Buntligisten mit radikalpolitischer Vergangenheit ideologische Bedenken gegen die Ehrenbezeigung gen Rom. Aber die Jungs von "Füße Gottes" und "Begnadete Körper" mit ihrem zutiefst christlichen Urvertrauen in den göttlichen Willen, als dieser Ball und Beine schuf, missionierten die linksgestrickten Kollegen; der Papst wurde verpflichtet.

Doch jetzt, wir nähern uns langsam dem Bilderbuchkonter gegen die präambula fidei, wesentlicher Bestandteil der Unfehlbarkeit, hielt sich das verdiente Mitglied aus Polen nicht an die Spielregeln. Auf seiner letzten Reise zum schwarzen Kontinent der wahren Spielkultur, wo heidnische Tänze an der Eckfahne nach einem vom Himmel begünstigten Torschuß noch geduldet werden, gab J.P. II. wieder mal den unsportlichen, aber eben unfehlbaren Rat, den übermächtigen Gegner Aids mit Enthaltsamkeit zu bremsen. Unddas roch selbst den frommen Kickern aus Aachen nach einem groben Foul. Besonders Exmeister "Knallgas Strikers" wunderte sich ob der rüden Attacke – schließlich laufen diese Ligakollegen des Heiligen Vaters für Kondome Reklame.

Also wurde in der nächsten Vollversammlung der Ball elegant in die Gasse gespielt, um die eine, heilige, katholische und apostolische Taktik zu durchkreuzen. Eine "förmliche Rüge" sollte dem ungestüm stürmenden und Spielfelder küssenden Kameraden mit dem Käppi erteilt werden. Doch der Mut zum Torschuß fehlte schließlich, die infallibilitas, zuletzt im 6. und 7. Jahrhundert durch die unvergessenen, am Ball brillanten, aber leider wohl fehlbaren Päpste Vigilius und Honorius I. in ähnliche Bedrängnis geraten (wir verweisen auf C.J. Heffles Arbeit "Causa Honorii", Neapel 1870), überstand die brenzlige Situation. "Es ist illusionär zu glauben, der Kerl würde sich wegen uns ändern, nur weil wir neuen Wirbel machen", befand einer der Teilnehmer des Aachener Fußball-Konzils – der klassische Rückpaß, die Angst vorm Gewinnen, mental blockiert, man kennt das ja. Die päpstliche Spielweise bleibt ungerügt, die Unfehlbarkeit (sanft zweifelnde Theologen sprechen übrigens lieber von der "letzten Untrüglichkeit" ihres Chefs) nimmt beide Punkte mit nach Hause und führt die Tabelle weiterhin unangefochten an. Hosianna. Christof Siemes